Mensch und Esel

„Der Mensch ist die Krone der Schöpfung.“ Diese Behauptung hat jeder schon gehört. Und sie leuchtet ja ein. Die Menschen stehen ganz oben in der Nahrungskette. Sie halten sich Tiere als Nutztiere, Pflanzen als Nutzpflanzen. Manches schützen die Menschen, weil es schön ist oder selten. Aber was zur Konkurrenz wird unter Pflanzen und Tieren, das wird auf dem Acker erbarmungslos totgespritzt, oder gejagt und ausgerottet.

Es scheint, als ob gegen die Menschen kein anderes Lebewesen eine Chance hätte.  

Zu Recht, kann man denken. Die Menschen sind eben die intelligentesten Wesen. Sie haben durch die Kombination von Intelligenz und den geschickten Händen die Technik entwickelt und können sich zudem durch Sprache perfekt verständigen. Und so denken und reden und schaffen sie unablässig und verändern das Gesicht der Erde. Und berufen sich dabei vielleicht sogar auf die Bibel: „Macht euch die Erde untertan!

Zu Recht?

Es gibt in der Bibel ganz andere Stimmen. Psalm 19 etwa.

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.

Ein Tag sagt’s dem andern,
und eine Nacht tut’s kund der andern,

ohne Sprache und ohne Worte;
unhörbar ist ihre Stimme.

Ihr Schall geht aus in alle Lande
und ihr Reden bis an die Enden der Welt.
 

Diese Sätze geben den Blick frei in eine Parallelwelt. In dieser Parallelwelt wird auch geredet, unablässig sogar, aber auf ganz andere Weise. „Ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.“ Was da gesagt wird, geht aber trotzdem durch alle Lande, bis an die Enden der Welt.

Wer redet so? Die Himmel, sagt der Psalm. Die Feste, also das Himmelsgewölbe. Sie erzählen die Ehre Gottes. Und ein Tag redet mit dem anderen, eine Nacht tut’s kund der andern.“ Die Welt ist voller Kommunikation. Und zwar ganz ohne Menschen. Die kommen hier gar nicht vor.

Aber, im Ernst, was soll das? Hat jemand schon mal den Himmel reden gehört? Und wie soll ein Tag dem anderen etwas sagen? Das kann doch nur irgendwie symbolisch, in übertragenem Sinn, gemeint sein.

Nein. Es ist genauso gemeint, wie es dasteht. Die Bibel geht tatsächlich davon aus, dass wir Menschen keineswegs die Einzigen sind, die reden. Und auch nicht die einzigen, die denken. Die ganze Schöpfung redet, kommuniziert – untereinander und mit Gott.

Ja, denn auch Gott redet mit seiner Schöpfung. Gleich am Anfang der Bibel: „Gott sprach: es werde Licht! Und es ward Licht. … Und Gott sprach: Erde, lass aufgehen Gras und Kraut! Da ließ die Erde aufgehen Gras und Kraut.“ Und zu den Tieren spricht Gott: Seid fruchtbar, mehrt euch! Und die Tiere hören Gott und sind fruchtbar und mehren sich.

Trotzdem, ist das nicht nur bilderhafte Sprache, aus einer Zeit, wo die Menschen noch nicht so intelligent waren wie heute? Wo man mit den Erwachsenen noch auf Kindergartenniveau reden musste?

Nein, ich bleibe dabei: Die Bibel meint es wirklich ernst. Der allerletzte Satz im Buch der Psalmen heißt: Alles, was Atem hat, lobe den Herrn!    

Alles! Alles, was atmet, lobe den Herrn. Das sind Menschen klar, aber auch Tiere und Pflanzen. Und mit diesem letzten zusammenfassenden Satz stellt das Psalmenbuch klar, dass die ganzen 150 Psalmen eigentlich nur dazu dienen, die Menschen auch noch hineinzunehmen in das große Halleluja, das für die übrigen Geschöpfe etwas ganz Selbstverständliches ist.

Die Schöpfung so zu sehen, stellt unsere normale Sicht natürlich ein bisschen auf den Kopf. Aber mir geht es so: Je tiefer sich mir im Lauf der Jahre die Bibel erschlossen hat, um so mehr habe ich den Eindruck bekommen, dass wir Menschen eigentlich eher Zaungäste sind, was die Beziehung zu Gott angeht. Als ob wir von draußen zuschauen, wie lebendig und wie direkt die anderen Geschöpfe mit ihrem Schöpfer verbunden sind.

Schon, die Bibel ist für Menschen geschrieben. Deshalb geht es in der Bibel meistens um Menschen – um ihre krummen Wege und Gottes Barmherzigkeit. Aber im Hintergrund steht immer die übrige Schöpfung.

Angefangen bei diesem unablässigen Gotteslob, das die Welt so selbstverständlich durchzieht. Bis dahin, dass in der Bileam-Geschichte (4. Mose 22) sehr deutlich erzählt wird, wie ein Esel mehr wahrnimmt als der hochgeachtete Zauberer Bileam. Für den Esel ist es gar keine Frage: Er sieht natürlich den Engel, der Bileam in den Weg tritt. Nur der Mensch Bileam ist blind für diese Wirklichkeit.

Und jeder, der sich auf Tiere einlässt, kann das bestätigen. Ich denke an einen Kater, der sich Zugang in ein Pflegeheim verschafft hat. Er hat herausgefunden, wohin er sich stellen muss, damit sich die automatische Tür öffnet. Irgendwann habe die Schwestern es aufgegeben, ihn rauzuwerfen und er ist zum Mitbewohner geworden. Und zum Therapeuten! Der Kater hat gewusst, wer es besonders nötig hat. Wer seelisch oder körperlich krank ist. Hat sich auf den Schoß gelegt oder ins Bett von Kranken und hat geschnurrt. „Er hat die Frau gesundgeschnurrt“, hat mir einmal eine Schwester gesagt.  

Wir Menschen sind auch da nur Zaungäste. Wir können von außen beobachten, was so ein Tier tut. Und wir können nur ahnen, was eine Katze wahrnimmt, wie sie wahrnimmt. Ohne Sprache, ohne Worte. Ohne Fiberthermometer, ohne Röntgengerät. Ich bin mir gegenüber den Fähigkeiten einer Katze schon wie ein Tollpatsch vorgekommen.  

Auf die Sprache der Menschen, auf das Reden, bilde ich mir auch nichts mehr ein. Ich habe schon einige Male im Herbst fasziniert einen großen Schwarm von Staren beobachtet, wie dieser Schwarm am Himmel einen Tanz aufführt. All die Tausend Vögel wechseln gleichzeitig die Flugrichtung. Das ist ein Fließen, Schweben, es verdichtet sich, lockert sich wieder – nicht militärisch starr, nicht automatisch, sondern ein Tanz, bei dem jeder Vogel sein eigenes tut, aber doch alle miteinander in Verbindung stehen – alle voneinander wissen.

Ganz dürr technisch ausgedrückt ist das Kommunikation – ohne Sprache, ohne Worte. Wo tausend Menschen zusammen sind, etwa in einem Bierzelt, kommunizieren sie nicht annähernd so harmonisch.  

Das sind nur ein paar Beispiele. Wer diesem unablässigen Reden der Geschöpfe einmal auf die Spur gekommen ist, entdeckt immer wieder neues. Und merkt: Wir Menschen sind nicht die einzigen, die reden. Und nicht die einzigen, die denken.

Aber was unterscheidet uns dann von den anderen Geschöpfen? Vielleicht steht uns da Bescheidenheit ganz gut an. Denn es könnte sein, dass wir Menschen ziemlich beschränkt sind. Dass wir nur ganz wenig wahrnehmen von der unglaublichen Fülle, die uns umgibt.

Wir sind zwar vorerst die letzten, die Gott geschaffen hat. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Besten sind. Vielleicht tun wir gut daran, uns von anderen Geschöpfen anleiten zu lassen.

Jesus hat versucht, uns Menschen genau auf diese Spur zu setzen. Er hat uns die Blumen auf dem Feld als Vorbilder hingestellt. „Schaut euch diese Lilie an! Macht sie sich vielleicht Gedanken darüber, was sie anziehen soll? Nein. Sie vertraut einfach auf Gott. Und ich sage euch, auch Salomo in all seiner Pracht ist nicht gekleidet gewesen wie eine von ihnen.“  Ja, eine Blume als Vorbild im Vertrauen auf Gott, als Vorbild im Glauben.

So zu denken sind wir nicht gewöhnt. Sonst würden wir die Blumen nicht so leichtfertig mit dem Rasenmäher köpfen.

Aber wir können uns von Jesus – und von der ganzen Bibel – in dieses neuen Verstehen der Welt hineinnehmen lassen. Dann kann uns die Blume zur Schwester werden und der Esel zum Bruder. Oder der Kater.

Zuerst werden wir uns noch als Zaungäste erleben. Gerade wenn uns die Sinne aufgehen.  Gerade wenn wir zu ahnen beginnen, wie die ganze Schöpfung im ständigen Gespräch ist mit Gott. Nur wir stehen am Rand.

Doch die anderen Geschöpfe sind nicht so. Sie nehmen uns gern in ihre Mitte, nehmen uns hinein in ihr unablässiges Halleluja – sobald wir es zulassen.