Vertrauen aus der Asche

Etwa ein Viertel des AT besteht aus den Schriften der Propheten. Als Predigttext in den Gottesdiensten kommt aber nur eine winzige Auswahl vor – meistens, was sich irgendwie als Voraussage auf Jesus verstehen lässt. Doch die Hauptsache bei den Propheten ist etwas ganz anderes. Sie haben ganz aktuell in die damaligen Verhältnisse hinein gesprochen. In die politischen Verhältnisse.

Das macht es allerdings für uns, 2500 Jahre später, schwer, die Prophetenbücher zu verstehen. Da kommen Namen vor, die uns nicht sagen: Pashur, Schallum, Amazja. Sie müssen so bekannt gewesen sein wie Merkel, Scholz und Baerbock. Aber wir haben keine Ahnung, was das für Leute waren. Nicht einmal die Bibelwissenschaftler.  

Doch gerade beim Stolpern über Namen oder Anspielungen auf Begebenheiten, mit denen wir auch nichts anfangen können, merken wir, wie direkt die Propheten waren. Sie haben nicht allgemein und unverbindlich herumgeschwafelt. Sondern haben Dinge und Personen knallhart beim Namen genannt.  

Deshalb haben sie wenig Freunde gehabt und umso mehr Feinde. Die Propheten waren Querdenker, und zwar genau in dem Sinn, wie das Wort heute verwendet wird. Im besten Fall wurden sie verspottet. Wenn sie nicht aufgehört haben, zu reden, hat man sie vertrieben oder ins Gefängnis geworfen oder umgebracht. Denn sie haben sich gegen die Regierung gestellt. Alle die Propheten in der Bibel. Und gegen die Mehrheitsmeinung im Volk.

Aber warum? Wer ist denn so blöd, dass er sich so viel Ärger einhandelt?

Der Prophet Amos, von dem wir vorhin schon gehört haben, war ein Bauer, der Maulbeerfeigen angebaut hat. Er hätte zwischen seinen Bäumen bleiben und Feigen pflücken können. Doch Gott hat ihn etwas sehen lassen. Visionen. Wir haben vorhin gehört, was er beschrieben hat: Einen Heuschreckenschwarm hat er gesehen, der alles Grün auffrisst, auch noch den letzten Halm. Und eine Gluthitze, die alles vertrocknet. Und dem Bauern Amos ist klar geworden: Da geht es um Israel! Ich sehe das Ende Israels! Es war so klar, er konnte es nicht ignorieren.

Doch er hat es auch nicht einfach hingenommen. Er hat Gott angefleht: „Vergib doch deinem Volk! Wie kann es sonst überleben? Es ist ja so schwach!“ Und tatsächlich, Gott hat geantwortet: „Gut, es soll nicht geschehen.“

Trotzdem war Amos klar: Es ist fünf vor Zwölf. Wenn Israel – das Volk, die Regierung – sich nicht radikal ändert, kommt das Ende doch! Das wollte er nicht. Ja wer will schon die totale Vernichtung – und selbst mit untergehen.

Und so hat Amos seine Maulbeerbäume zurückgelassen und hat sich auf den Weg in die Hauptstadt Samaria gemacht. Er muss ein politisch interessierter Mensch gewesen sein. Er hat gewusst, was vor sich geht, wie die Verhältnisse sind, wer die Fäden zieht.

Israel war zu der Zeit ein Land, dem es wirtschaftlich blendend ging. Wobei: Blendend ging es denen, die profitiert haben – von der Arbeit der anderen. Die Reichen sind immer reicher geworden und die Armen ärmer. Der Kniff der Reichen war, die Leute der Mittelschicht in Schulden zu stürzen. Und ihnen dann, zur Rückzahlung der Schulden, ihr Land abzunehmen. So ist eine ständig wachsende Schicht von landlosen Leuten entstanden, die froh sein mussten, wenn sie für einen Hungerlohn Arbeit bekamen.

Und die Großgrundbesitzer mussten nicht mehr arbeiten, sondern konnten am hellen Tag Gelage abhalten, in luxuriös ausgestatteten Häusern in der Hauptstadt. Das findet sich alles so im Amosbuch.

Dann hat sich Amos hingestellt, mitten in der Hauptstadt und im Tempel und vor dem Königspalast, und hat wieder und wieder gesagt: „Wenn ihr so weitermacht, wird Gott eine große Katastrophe über euch bringen!“

Ziemlich schnell ist Amos bedroht worden: Wenn dir dein Leben lieb ist – halt den Mund und verzieh dich!“

Wahrscheinlich ist er wieder gegangen. Weil er gemerkt hat, dass er keine Chance hat. Alles, was er konnte, war aufschreiben, was er in der Hauptstadt und im Tempel gesagt hat. Falls sich später jemand dafür interessiert.

Das war um 760 v. Chr. Nun ist natürlich die Frage, warum wir uns heute damit beschäftigen sollen. Auch wenn es damals schlimm und ungerecht zugegangen ist – aber es geht doch uns heute nichts mehr an.  

Stimmt, die Menschen von damals gehen uns nichts an. Doch wir erfahren aus den Aufzeichnungen von Amos etwas über Gott. Über eine Seite von Gott, die uns fremd ist. Die viele Christen als überholt ansehen. Überholt durch das Neue Testament, mit seinem Gott der Liebe.   

Aber warum haben wir dann die Propheten immer noch in unserer Bibel? Es wäre ein Leichtes gewesen, die Propheten aus der Bibel zu entfernen. Doch das ist nicht passiert. Weil zuerst die Juden, dann die Christen gemerkt haben, dass die Propheten helfen, die eigene Gegenwart zu deuten. Alles, was passiert – in der Politik, aber auch in der Natur – das hat mit Gott zu tun, sagen die Propheten.

In dem, was wir als Geschichte erleben, als Weltgeschichte, als Naturgeschichte, steckt Gott drin. Das wird nie so deutlich wie bei den Propheten. Sonst, wenn erzählt wird, wie Gott in der Welt wirkt, ist das oft in Geschichten verpackt, die wir insgeheim als Märchen einsortieren: Es war einmal vor langer, langer Zeit, als es noch Wunder gab und Gott unter den Menschen wandelte …

Die Propheten erzählen keine Märchen. Sie haben mit der gleichen Art von Verhältnissen zu tun, wie wir: Mit Korruption, Machtmissbrauch, Politik und Krieg. Und mit Gottes Reaktion darauf.

Ich lese uns noch einmal einen andern Abschnitt aus dem Amosbuch (Kap. 4, 6-12). Vielleicht verstehen Sie dann, was ich meine.

So spricht der Herr: »Ich habe euch eine Hungersnot geschickt, sodass es in euren Städten und Dörfern nichts mehr zu beißen gab. Das kam von mir! Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt.

Ich hielt den Regen zurück, als die Felder ihn am nötigsten gebraucht hätten. Über der einen Stadt ließ ich es regnen, auf die andere fiel nicht ein Tropfen. Das eine Feld stand prächtig, während auf dem andern alles verdorrte. Von überall her schleppten die Leute sich halb verdurstet zu einer Stadt, die noch Wasser hatte; aber es reichte nicht für alle. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt«, spricht der Herr.

»Ich habe euch die Pest geschickt wie einst den Ägyptern. Ich ließ eure jungen Männer im Kampf umkommen und gab eure Pferde den Feinden zur Beute. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt«, spricht der Herr.

»Ich ließ ganze Städte untergehen wie Sodom und Gomorra, nur ein paar Menschen überlebten die Katastrophe – so wie ein angekohltes Holzscheit gerade noch aus dem Feuer gerissen wird. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt«, spricht der Herr.

»Darum will ich weiter so mit dir tun. Weil ich aber weiter so mit dir tue, mach dich bereit, Israel, und begegne deinem Gott!«

Trockenheit, Dürre soll etwas mit Gott zu tun haben? Da schüttelt man heute nur den Kopf. Das sind doch Naturphänomene. Oder die Menschen sind schuld. „Wenn wir den CO2-Ausstoß reduzieren und die Klimaerwärmung auf 1,5° begrenzen, passiert uns nichts.“

Doch nicht erst die Klimaaktivisten versuchen Gott aus der Natur hinauszudrängen. Schon damals sind ja die Leute nicht draufgekommen, dass die Trockenheit mit ihrer eigenen Korruptheit und Gier zusammenhängen könnte. Und als Amos den Gedanken ausgesprochen hat, hat man ihn bedroht und vertrieben.

Könnte es sein, dass so eine Klimakatastrophe gar nicht von Menschen verursacht wird, sondern von Gott? Wenn man so fragt, gilt man wahrscheinlich als Querdenker – aber wie gesagt, die Propheten damals eben auch.  

Amos hat noch mehr Zusammenhänge gesehen: „Ich habe euch die Pest geschickt, wie einst Ägypten.“
Gott schickt eine Krankheit? Corona? „Nein“, sagt Bischof Bedford-Strohm, „Corona hat mit Gott gar nichts zu tun. Das darf niemand behaupten.“

Amos hat es behauptet. Und der damalige Oberpriester Amazja hat ganz ähnlich reagiert wie Bedford-Strom: „Das Land kann diese Worte nicht ertragen!“

Oder Krieg: „Ich ließ ganze Städte untergehen wie einst Sodom und Gomorra, nur ein paar Menschen überlebten die Katastrophe. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt, sagt der Herr.“

Könnte es sein, dass Gott bei einem Krieg im Hintergrund steht? Auf der Seite unserer Feinde? „Ich ließ eure jungen Männer im Kampf umkommen und gab eure Pferde den Feinden zur Beute. Trotzdem seid ihr nicht zu mir umgekehrt, sagt der Herr.“

Amos hat versucht, die Zeichen seiner Zeit zu deuten. Also das, was passiert ist, die Nachrichten, die er gehört hat: Dürre, Pest, Krieg. Er hat das, was passiert ist von seinen Visionen her gedeutet. Von zwei der Visionen haben wir vorhin gehört. Wo er dann noch mit Gott verhandelt hat: „Vergib doch deinem Volk! Wie kann es sonst überleben? Es ist ja so schwach!“ Doch dann hatte er eine dritte Vision: Er hat einen Mann gesehen, auf einer schrägen Mauer, mit einem Bleilot in der Hand. Und hat gehört: „Siehe, ich will das Lot legen an mein Volk Israel. Ich gehe nicht mehr an ihm vorüber“ (Amos 7,8).

Gott ist ziemlich lange geduldig. Aber irgendwann ist genug. Wenn ein Volk – oder mehrere Völker – einfach nicht davon ablassen, die Schöpfung zu zerstören, andere Menschen auszubeuten. Wenn die Überheblichkeit immer schlimmer wird und die Blindheit. Einmal ist genug.

„Siehe, ich will das Lot legen an mein Volk.“  Das Lot, also die Schnur, die die Senkrechte zeigt. Und an der geraden, rechten Linie sieht plötzlich jeder, wie krumm die Mauer ist, wie verdorben das Volk.

„Ich gehe nicht mehr an meinem Volk vorüber.“ Vorher also hat Gott Abstand gehalten zu seinem Volk. Um das Volk zu schonen. Weil es für ein verdorbenes Volk zu einer Katastrophe wird, wenn es dem gerechten Gott begegnet.

Kann es sein, dass die Gottvergessenheit, die wir ja seit Jahrzehnten zunehmend in unserem Volk feststellen, gar nicht nur vom Volk ausgegangen ist, sondern auch von Gott? Dass Gott sich zurückgezogen hat – aus unserem Land, aus Europa – um uns zu schonen? Um uns die Chance zu geben, uns zu besinnen?

Ich bin kein Prophet. Ich weiß nicht, auf wieviel vor Zwölf die Uhr steht. Aber bei Amos – und bei den anderen Propheten – sehe ich, was Gott auch tun kann. Dass er kein harmlos lieber Gott ist. Trotz seiner unglaublichen Geduld.  

Doch das entscheidende für mich ist dann, in welche Worte Amos die kommende Katastrophe fasst: „Siehe, ich will das Lot legen an mein Volk Israel. Ich gehe nicht mehr an ihm vorüber.“

Das ist tatsächlich eine gute Nachricht. Wenn uns die Katastrophe trifft, bedeutet das, hat uns Gott keineswegs aufgegeben oder abgeschrieben. Das genaue Gegenteil: Ich gehe nicht mehr an meinem Volk vorüber. In der Katastrophe begegnen wir Gott! Es kann nicht anders sein: Wo der heilige Gott mit den verdorbenen Menschen zusammentrifft, ereignet sich eine Katastrophe. Aber eben deshalb ist uns Gott in der Katastrophe nahe.

Und genau das hat für mich etwas Tröstliches. Denn aufhalten lässt sich das Verhängnis nicht. Auf Querdenker wird die Mehrheit nie hören.

Doch das, was die Propheten gesagt haben – dass wir Gott in der Katastrophe begegnen –, hat trotzdem gewirkt. Nicht im Vorfeld, sondern in der Katastrophe und nach der Katastrophe. Unter den wenigen, die wie ein angekohltes Holzscheit das Feuer gerade noch überlebt haben, waren einige, die sich an die Worte der Propheten erinnert haben.  

Und die haben erkannt, dass die rauchenden Trümmer Gottes Spuren sind. Dass sie gerade eben Gott begegnet sind. Dem Allmächtigen, dem Furchtbaren, dem seine Menschen nicht gleichgültig sind.

Und sie haben gelernt, Gott ganz neu zu fürchten und zu lieben und ihn ernst zu nehmen. So ist aus der Asche neues Vertrauen zu Gott gewachsen.