Seht, Gott ist da!

Erlösung ist ein großes Wort. Das klingt so endgültig: Erlösung, Auflösung – die kommt erst, wenn danach nichts mehr kommt, wenn alles gut ist für immer. Das wäre natürlich schön. Aber wir kennen ja die Welt und uns selber und wissen: so weit ist es noch nicht.

Doch mit „Erlösung“ ist es wie mit anderen großen Glaubensworten: sie sind erst im Lauf der Zeit so übergroß, so unnahbar geworden. Eigentlich bedeutetdas Wort Befreiung. Befreiung da, wo jemand ganz konkret gefangen ist oder durch etwas gefesselt oder eingeschränkt.

Genau so eineBefreiung hat der Prophet Jesaja ankündigt (Jes 35, 3-10). Er hat zu Leuten aus Jerusalem gesprochen,die gefangen waren. In Babylon. Schon seit 50 Jahren. Sie haben dort in einem Lager gelebt. In so einem Lager kann man leben, arbeiten, Kinder zeugen. Aber alles, was man tut, ist vorläufig. Man ist nicht zu Hause.

Der Prophet sprichtvon Blinden, von Tauben, von Lahmen und von Stummen. Ich glaube, da meint er keine organischen Leiden oder Behinderungen.

Die Stumme, könntedas eine alte Frau sein? Die als Mädchen von den Soldaten, die über die Stadt hergefallen sind, vergewaltigt worden ist? Die das in sich verschlossen hat, kein Wort gesagt hat, zu niemandem? Stumm geworden ist in ihrer Schande?

Der Blinde, könnte das einer sein, der aufgegeben hat? Weil ihm so viel Unrecht geschehen ist. Weil er so viel verloren hat. Bei dem der Blick nach innen geht, auf das Unglück, den Schmerz. Das, was man ihm angetan hat. Der nicht sieht und nicht hört, wie um ihn Kinder springen und lachen, wie das Leben weitergeht.

Und der Lahme? „Warum etwas anfangen? Es hat sowieso keinen Wert. Ich gehöre nicht hierher. Ich will nicht hier sein. Ich habe alles verloren!“   

Die Menschen im Lager sind müde. Und allein. Jeder für sich mit seinem Schmerz.

Und ich glaube, nicht nur damals. Stumme, die über das Schlimme, was ihnen passiert ist, nicht reden wollen, gibt es auch unter uns. Taube, die alle guten und liebevollen Worte herausfiltern und nur Böses und Gemeines hören. Antriebslose, denen schon die einfachsten Dinge zu viel werden. Müde.

Und nun: Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!  Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott ist da! Er kommt, er bringt zurecht! Gott kommt und wird euch helfen.“

Was ist das? Hoffnung? Hoffnung für die Müden, für die Enttäuschten.
Nein, das Evangelium!

Ja, wie später auch Jesus ruft der Prophet dazu auf, den Verzagten das Evangelium zu verkündigen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott ist da!“

Gott ist da!
Das ist das Evangelium. Im babylonischen Gefangenenlager. Dann hat es Jesus gesagt. Bis heute: „Seht, euer Gott ist da!“  

Menschen können nichts machen.
Ich glaube, das ist schwer zu schlucken. Wir appellieren: „Reiß dich zusammen!“ Oder: „Du musst professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“ Oder: „Das musst du musst unbedingt probieren, das hat mir auch geholfen!“

Hoffnung? Ein paar Krümel. Auf jeden Fall Druck: Du musst … ! Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt – sobald ich nicht mehr kann.

Im Lager der Gefangenen aber sind die Verkünder des Evangeliums unterwegs: „Seht, euer Gott ist da!“ Augen auf, ihr Blinden! Er ist da! Jetzt, hier, im Lager, hinter dem Zaun. In der Fremde. Obwohl alles vorläufig ist. Obwohl man dir Schlimmes angetan hat. „Seht, euer Gott ist da!“

Das ist das Evangelium.

Das Evangelium bringt nichts neues. Es nimmt nur die Decke weg, öffnet die Augen. Die Welt bleibt, wie sie ist. Doch die Blinden sehen. Und für die Blinden ändert sich etwas. Und für die Lahmen und Stummen und Tauben.

Ich glaube, was sich verändert, ist für jeden anders. Je nachdem, was uns blind, lahm, stumm gemacht hat. Ob mir jemand etwas Schlimmes angetan hat. Ob ich böse Sätze verinnerlicht habe: „Du kannst das sowieso nicht.“ Ob ich mich schäme.

Und doch sind alle vom gleichen berührt: „Seht, euer Gott ist da!“ Hinter dem Zaun im Lager! In deinem Inneren, wo verschlossen ist, was du noch niemandem erzählt hast! „Gott ist da!“ –  genau neben dem, wofür du dich schämst. „Seht, euer Gott ist da.“

Er hält es aus.
Er hält dich aus.
Er ist schon immer da.
Bei dir.

Das ist das Evangelium.

Es nimmt die Decke weg, öffnet die Augen.
Die Welt bleibt, wie sie ist.
Was gewesen ist – das Schlimme – bleibt. Und wenn es wirklich schlimm war, dann bleibt es schlimm.

Doch weil Gott da ist, wird es anders.  

„Der Lahme wird springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken.“ Nicht nur gehen wird der Lahme, sich irgendwie bewegen können, sondern springen wie ein Hirsch. Voller Freude, Übermut! „Und die Zunge des Stummen wird frohlocken“, also: wird Gott loben und singen.

 Wo Gott ist, ist auchFreude – Lust am Leben.

Die Welt bleibt, wie sie ist. Ich bleibe, wie ich bin.
Doch ich öffne die Augen und: Siehe, mein Gott ist da!

Was sehe ich noch?  Die Freude steht neben dem Schlimmen. Und das Schlimme verliert seine Macht. Es zieht sich zurück auf seinen Platz. Mehr und mehr gibt die Lust am Leben den Ton an. Und nun verändert sich die Welt doch. Der Prophet beschreibt, wie die Wüste zu blühenbeginnt:

Es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist,sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zufinden, sondern die Befreiten werden dort gehen.

Eine Straße legt sich durch die arabische Wüste. So hat es der Prophet gesehen. Die Straße ist gesäumtvon Wasserstellen. Es gibt Flüsse, Gras und Schilf. Ganz direkt geht die Straße auf Jerusalem zu – nach Hause. Nichts wird die Befreiten aufhalten, nichts bedrohen, auch keine wilden Tiere.

Nach Hause! Die Befreiten des HERRN werden nach Zion kommen – mit Jauchzen.

Gibt es diesen grünen Korridor durch die arabische Wüste? Wer sich bei Google die Satellitenbilder anschaut, kann sich überzeugen: da sind nur Sand und Felsen, sonst nichts.

Und doch hat sich etwas verändert. In den Menschen. Im Lager. Sie haben aufgeschaut, einander wahrgenommen. Sie haben wieder Gottesdienst gefeiert. Sie haben die alten Geschichten von Gott und seinem Volk zusammengetragen, aufgeschrieben. Sie haben ihre eigene Geschichte mit Gott neu erzählt. Plötzlich waren sie zu Hause. In der Fremde. Hinter dem Zaun. Trotz dem Schlimmen, was geschehen ist.

Und als sich dann die politischen Verhältnisse geändert haben und die Gefangenschaft aufgehoben wurde, sind manche tatsächlich nach Jerusalem zurückgegangen. Aber viele sind geblieben in Babylon. In der Stadt der Sieger, der Unterdrücker. Weil sie gesehen haben: „Unser Gott ist da!“ Und wo er ist, sind wir zu Hause.

Erlösung – das Wort ist mir zu groß, zu unnahbar. Befreiung ist mir lieber. Doch wo Gott befreit, ist es noch einmal besonders. Gott befreit indem er die Augen öffnet: „Seht, euer Gott ist da!“ Er ist schon lange da, schon immer. Er steht neben dem Schlimmen, was euch verstummen lässt. Doch wo ihr ihn seht, schrumpft das Schlimme und verliert seine Macht.  

Das alles schon jetzt, im Vorläufigen, Provisorischen. Deshalb: Seht auf, erhebt eure Häupter, euer Gott ist da!
Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein.

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