Leere Taschen

Jesus sandte seine Jünger aus und sprach: Geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist da! Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stock. Denn ein Arbeiter ist sein Essen wert.

Wie ginge es mir, wenn ich ohne alles losziehen müsste? Was die Jünger auf ihren Weg mitnehmen wollten, war ja nur das Notwendigste: Geld, Wechselkleidung, Schuhe, ein Stock.

Wenn wir in den Urlaub fahren, denke ich, nehmen wir alle wesentlich mehr Gepäck mit. Aber Jesus war auch noch das allernotwendigste zu viel. Nachdem Jesus die Tasche seiner Jünger ausgepackt hat, haben sie barfuß dagestanden, mit nichts am Leib als ihren Kleidern. So hat er sie weggeschickt, das Evangelium zu verkündigen.

Für mich fühlt sich das fast an wie nackt. Ausgeliefert an das Wohlwollen oder die Gleichgültigkeit der Leute, zu denen es mich verschlägt. Ich kann nichts kaufen. Ich muss fragen, ob mich jemand zum Essen einlädt. Was ist, wenn mich niemand einlädt? Ich muss fragen, ob mich jemand in seinem Haus übernachten lässt. Was ist, wenn sie mich draußen stehen lassen? Und wenn mich jemand angreift – es muss ja nur ein großer Hund sein: ohne Stock kann ich mich nicht wehren. Und ohne Schuhe kann ich nicht einmal davonrennen, wenn es sein muss.

Ich sehe mich hungrig und erschöpft unter der heißen Sonne trotten, verletzt von Hundebissen, mit aufgeschürften Füßen. Und dann soll ich fröhlich verkündigen: „Das Reich Gottes ist da!“?

Aber Stopp! Jesus will mich doch bestimmt nicht bloßstellen. Ich kenne ihn, von anderen Geschichten her. Jesus hat gesagt: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben in Fülle habt!“ (Joh 10) Ist vielleicht das Auspacken der Tasche irgendwie Voraussetzung für ein Leben in Fülle?

Mit dem, was die Jünger auf ihren Weg mitnehmen wollten, wollten sie unabhängig sein. Also nicht angewiesen auf andere Leute. Das macht ein gutes Gefühl, wenn man weiß: Ich kann für mich selber sorgen! Was ich brauche, habe ich selbst!

Als ich ein Kind war, hatten wir in der Familie noch nicht alles selbst. Ich erinnere mich noch gut, wie das war. Mein Vater hat viel gebaut, immer wieder betoniert. Aber wir hatten keine Betonmaschine. Also mussten wir Samstagmorgens quer durchs Dorf gehen, um bei einem entfernten Verwandten eine Betonmaschine auszuleihen. Und mit dem rumpelnden Ding zu Fuß wieder zurück. Beim Holen und Zurückbringen musste man auch immer noch ein Schwätzchen halten. Das hat Zeit gekostet. Und so war es eine große Erleichterung, als mein Vater schließlich eine gebrauchte Betonmaschinen gekauft hat. Jetzt hatten wir selber eine und konnten am Samstagmorgen gleich mit der Arbeit anfangen. Aber der Kontakt zu diesem entfernten Verwandten ist eingeschlafen. Ich glaube nicht, dass wir ihn noch einmal besucht haben.

Wahrscheinlich können das viele aus eigener Erfahrung bestätigen: in dem Maß, wie der Wohlstand zugenommen hat und jeder selbst alles kaufen konnte, was man so braucht, haben die zwischenmenschlichen Kontakte abgenommen. Jeder ist selbständig, hat, was er braucht. Man ist auf niemanden angewiesen. Deshalb sind viele Menschen so einsam.

Leben in Fülle sieht anders aus.

Natürlich ist das nicht zwangsläufig so. Man kann sich ja verabreden, das Haus verlassen und Bekannte besuchen. Man kann sich in der Begegnungsstätte zu einer Gruppe an den Tisch setzen, gemeinsam Sport treiben. Und das machen ja auch viele. Man kann sein Leben in die Hand nehmen und gestalten.

Aber das braucht immer Überwindung. Und bei mir wenigstens siegt oft genug die Bequemlichkeit. Denn das Leben ist anstrengend genug und Unterhaltung gibt es auch aus dem Fernseher. Ja, wenn ich selbst alles habe, kann ich die Tür zuschließen und bin geschützt, sicher und kann tun und lassen, was ich will. Wie ein Ritter in seiner Burg. Doch die Unabhängigkeit macht einsam.

Vielleicht war das ein Grund, warum Jesus seinen Jüngern die Tasche ausgepackt hat. So mussten sie zu den Leuten hingehen. Zu fremden. Mussten sie bitten. Und es sind Türen aufgegangen. Bestimmt nicht jede Tür. Aber viele. Als die Jünger einige Zeit später zu Jesus zurückgekommen sind, haben sie ganz begeistert erzählt, was sie erlebt haben (Lk 10, 17). Keiner hat gejammert, wie schlimm es war. Im Gegenteil.

Ich glaube, das ist ein Grundgesetz des menschlichen Zusammenlebens: Wenn ich jemand um etwas bitte, weil ich wirklich etwas brauche, dann öffnet sich etwas in mir und in dem, den ich bitte. So entstehen Beziehungen. Und vielleicht sogar Freundschaften. Ich glaube, das wollte Jesus seinen Jüngern möglich machen. Deshalb hat er ihnen ihre Reise- Schutzausrüstung weggenommen.

Und vielleicht geht es noch um etwas tieferes. Wenn wir uns schützen wollen, indem wir uns mit allem ausrüsten, dann schützen wir uns auch vor Gott. Oder besser: wir schützen uns davor, Erfahrungen mit Gott zu machen.

Denn hinter allem, was uns so passiert, steht ja Gott. Wenn ich mich in so ein Jünger- Duo hineinversetze, die schon den ganzen Tag unterwegs sind, hungrig und durstig. Und dann abends auf ein Dorf zugehen, das sie noch nie gesehen haben. Und still beten: „Gott, wir haben Hunger, wir sind müde. Öffne Du bei einem der Häuser die Tür und das Herz. 

Und nachdem die zwei einige Male vergeblich gefragt haben, werden sie hereingebeten, dürfen sich frisch machen, bekommen zu trinken und der Tisch wird gedeckt. Sie werden nicht nur den Gastgebern danken, sondern auch Gott.

Wenn ich ins Gasthaus gehe und für mein Essen bezahle, werde ich auch satt. Aber mit dem Bezahlen bringe ich mich um diese Gotteserfahrung. Oder wenn ich krank bin und nehme Medikamente. Und werde wieder gesund. Wer hat mich gesund gemacht? Natürlich Gott! Medikamente heilen nicht. Sie töten nur Bakterien oder senken den Blutdruck oder so was. Heilen kann kein Mensch und kein Medikament. Aber weil ich so viel Zeit beim Arzt verbringe und dann die Medikamente schlucke, schiebt sich die ganze Medizin vor Gott. Dann fühlt sich das Gesundwerden nicht wie ein Wunder an, sondern wie eine Kassenleistung.

Schade. Denn so schirmt uns das viele, was wir haben, was wir bezahlen können – das schirmt uns von der Gotteserfahrung ab.

Deshalb wahrscheinlich hat Jesus seinen Jüngern ihren Schutz und die Mittel zu ihrer Selbständigkeit weggenommen. Damit sie erleben konnten: „Das Reich Gottes ist da! Kranke werden gesund, Tote stehen auf, Aussätzige werden rein!“ (Bei den auferstandenen Toten übrigens brauchen wir nicht gleich an Zombies zu denken. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn sagt der Vater: „Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden“ (Lk 15). )

„Kranke werden gesund, Tote stehen auf, Aussätzige werden rein!“ – das können auch wir heute erleben. Sobald wir uns nicht mehr abschirmen, absichern, nicht mehr selber für uns sorgen. Und es kann tatsächlich sein, dass Jesus auch uns unsere Tasche auspackt, ja, uns ziemlich nackt auszieht. Damit wir die Chance haben, das Reich Gottes zu spüren, aus Gottes Fülle zu leben.

Dazu will ich noch etwas erzählen. Ich habe gerade mit einer Beerdigung zu tun in einer anderen Gemeinde. Da ist eine 71- jährige Frau an Krebs gestorben. Es ist noch kein Jahr her, dass auch ihr Mann gestorben ist.

Doch was zuerst wirkt, als ob das Leben dieser Frau als Trümmerhaufen geendet hätte, hat ihr Sohn ganz anders geschildert. „Ihr Krebs war wirklich schlimm. Sie hat eine Chemotherapie gemacht, doch die hat nicht geholfen. Man hat sie zum Sterben entlassen. Und dann ist sie aufgeblüht. Sie war schwach, konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten. Aber sie war wie ein junges Mädchen.“ Ich habe verwundert gefragt, ob er das näher beschreiben kann: „wie ein junges Mädchen“.

Da hat er erzählt: „Es war im Frühling, ein warmer Tag und wir haben beschlossen, den Abend im Biergarten zu verbringen. Wir haben halb im Scherz gesagt: „Wir könnten ja mit dem Rad hinfahren“. Meine Mutter ist seit fast einem Jahr nicht mehr Fahrrad gefahren. Sie konnte nicht mehr. Sie war zu schwach. Aber jetzt hat sie ganz unerwartet gesagt: „Ich glaub‘ ich probier‘s. Aber zuerst mal nur im Hof“. Wir habe ihr mit dem Helm geholfen. Ganz klein und schmal ist sie durch die Krankheit geworden. Das Fahrrad hat riesig gewirkt. Sie ist losgefahren, hat geschwankt. Wir hatten kurz Sorge. Doch dann hat sie sich gefangen. Und es ging. Zuerst ist sie von uns weggefahren, hinten im Hof hat sie dann umgedreht. Und sie ist uns entgegengefahren, glücklich strahlend. Sie hat gewirkt wie ein kleines Mädchen, das sich zum allerersten Mal Rad fährt.“

„In diesen letzten Monaten“, hat ihr Sohn erzählt, „da hat sie sich grenzenlos über jeden Tag gefreut. Sie hat alle ausgekostet, was jetzt wiedermöglich war, hat jede beiläufige Schönheit bewundert. ‚Herrlich‘, hat sie oft gesagt. Sogar wenn sie sich ins Krankenhausbett sinken lassen konnte. ‚Herrlich!‘ Dieses ‚herrlich‘ bleibt uns im Ohr und wird uns begleiten.“

Vergangene Woche ist die Frau gestorben. Von außen gesehen ist ihr alles weggenommen worden – ihr Mann, ihre Gesundheit, ihr Leben. Wie wenn Jesus die Tasche auspackt. Doch im Auspacken hat sich dieses andere gezeigt: das Glück, das Neue, das Leben.

Mir macht diese Geschichte Mut. Ich schaffe es ja nicht, freiwillig all das aufzugeben, was mir meine Selbständigkeit und Unabhängigkeit möglich macht. Aber wenn ich das einmal verlieren sollte, dann bin ich zuversichtlich, dass ich dann das erleben werde, was Jesus seinen Jüngern ermöglichen will: Das Reich Gottes – Leben in Fülle.

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