Der Tod kann uns nicht töten!

„Warum sollt ich mich denn grämen?“ fragt der Liederdichter Paul Gerhardt (ganzer Liedtext unten). Ich kann verstehen, wenn Sie sofort heftig widersprechen wollen: Wie soll man sich denn nicht grämen? Es ist doch alles zum Verzweifeln! Wer so naiv schreibt, hat anscheinend keine Ahnung, wie schlimm es in der Welt zugeht.

Doch genau das kann man vom Dichter dieses Liedes nicht behaupten. Paul Gerhardt ist 1607 in Gräfenhainichen in der Nähe von Wittenberg geboren, als zweites von 4 Kindern. Seine Eltern hatten eine Gastwirtschaft.

Als er 11 Jahre alt war, hat der 30-jährige Krieg begonnen. Zwar hat man dort, wo er gelebt hat, zuerst vom Krieg noch nicht viel gemerkt.

Doch über seine Familie ist eine Katastrophe hereingebrochen: als Paul 12 Jahre alt war, ist seine Mutter gestorben. Und zwei Jahre später sein Vater. Jetzt waren die vier Kinder Waisen.

Ein Onkel hat sich um sie gekümmert. Paul und Christian hat er in ein Internat geschickt. Er hat es bestimmt gut gemeint. Doch in diesem Internat war das Leben so hart, dass der große Bruder Christian die Schule abgebrochen hat. Paul hat durchgehalten, und hat nach der Abschlussprüfung an der Universität Wittenberg mit dem Theologiestudium begonnen.

Inzwischen waren schon 10 Jahre lang Krieg. Und inzwischen hat jeder drunter gelitten. Auch wenn die Armeen nicht überall gegeneinander gekämpft haben.

Das Problem waren die Soldaten an sich. Hunderttausende Soldaten aus ganz Europa haben sich in Deutschland hin und her bewegt. Die mussten ernährt werden. Wo immer Soldaten in ein Dorf oder eine Stadt gekommen sind, haben sie sich einfach genommen, was sie kriegen konnten.

Je länger der Krieg gedauert hat und je weniger bei den Leuten zu holen war, um so brutaler sind die Soldaten geworden. Sie haben einfach die Tiere geschlachtet, die sie im Stall gefunden haben und haben alles mitgenommen, was irgendeinen Wert hatte.

Nach so einer Plünderung ist oft die Pest ausgebrochen oder die Pocken. Weil die Menschen gehungert und ihren Lebensmut verloren haben.

Auch Wittenberg, wo Paul Gerhardt als studieren wollte, wurde immer wieder geplündert.

Deshalb konnte er nicht zielstrebig studieren. Wenn Soldaten in der Stadt waren, konnte man nicht zur Universität gehen, nicht einmal auf die Straße. Professoren sind ermordet worden oder an Krankheiten gestorben.

Zwischendurch hat Paul Gerhardt immer wieder ein paar Wochen in Gräfenhainichen verbracht. Die elterliche Gastwirtschaft hat inzwischen sein großer Bruder Christian mit den Schwestern geführt. Dort war – auch wenn die Eltern nicht mehr gelebt haben – sein Zuhause.

Doch dann hat ihn der Krieg mit voller Wucht getroffen. Schwedische Soldaten haben in Gräfenhainichen geraubt, geplündert und gemordet und dann das ganze Dorf angezündet. Alles war zerstört: Kirche, Schule, Schloss, die Wohnhäuser und auch die Gastwirtschaft seiner Eltern. Pauls Geschwister konnten ihr Leben retten. Aber zur Zerstörung und der Verzweiflung kam die Pest. An der Pest ist Pauls großer Bruder Christian gestorben, wie viele andere auch.

Fünf weitere Jahre hat es noch gedauert bis Paul Gerhardt endlich die Abschlussprüfung gemacht hat. Inzwischen war er 35. Und der Krieg hat schon 24 Jahre lang gedauert.

Dann ist er nach Berlin gegangen. Auch Berlin war vom Krieg gezeichnet. Viele Häuser waren nicht mehr bewohnt und verfallen.

Doch trotz dieser schlimmen Umständen hat man in Berlin gelebt. Paul Gerhardt wurde als Hauslehrer in einer angesehenen Familie aufgenommen. Dabei hat er auch die Freunde der Familie kennengelernt, Männer und Frauen, die der Krieg und all das Schlimme nicht hat brechen können.

Als dann eine Tochter aus Paul Gerhardts Gastfamilie geheiratet hat, hat er zu diesem Anlass sein erstes Gedicht geschrieben. Die Hochzeitsgäste waren begeistert und haben ihn ermutigt, mehr aus seinem Talent zu machen.

Das hat er dann auch getan. Und er hat die Gedichte genutzt, um seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten und seinen Glauben in Worte zu fassen.  

Eines dieser Gedichte ist: „Warum sollt ich mich denn grämen?“ Als Paul Gerhardt es geschrieben hat, war immer noch Krieg. Er hat die Eltern verloren und seinen Bruder, hat Schlimmes und Grausames gesehen. Und trotzdem: „Warum sollt ich mich denn grämen? Hab ich doch Christus noch, wer will mir den nehmen?“

Das war sein Lebensgefühl. Er hat genau gewusst: Wenn das nächste Mal Soldaten in die Stadt kommen, können sie mir alles Mögliche nehmen: Mein Geld, mein Dach überm Kopf, Freunde, vielleicht sogar das Leben. Aber Christus, Christus können sie mir nicht nehmen.

Vielleicht denken Sie: „Das ist ein schwacher Trost. Was hilft Christus – den sieht man ja nicht – wenn man etwas Wirkliches, etwas Reales verliert?“

Doch für Paul Gerhardt war es anders. Für ihn war das Reale nicht das, was man anfassen kann. Er hat ja erlebt, wie schnell das, was man anfassen kann, in Flammen aufgeht.

Was sind dieses Lebens Güter? Eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter (V.10). Hier ist kein recht Gut zu finden; was die Welt in sich hält, muss im Nu verschwinden (V.9).

Auch das biologische Leben kann man nicht festhalten: Nackend lag ich auf dem Boden, da ich kam, da ich nahm meinen ersten Odem; nackend werd ich auch hinziehen, wenn ich werd von der Erd als ein Schatten fliehen (V.2).

Nichts, was man anfassen kann,  lässt sich festhalten. In so einer Kriegszeit wird man ganz hart darauf gestoßen.

Und Gott? Bestimmt haben viele Menschen damals gebetet. „Allmächtiger Gott im Himmel, beschütze mich, wenn die Soldaten in die Stadt kommen. Bewahre unsere Familie, dass niemand an der Pest stirbt.“

Vielleicht hat Paul Gerhard auch so gebetet. Aber seine Familie ist nicht bewahrt worden. Und viele andere auch nicht, obwohl sie gebetet haben. 

Ist das nicht der Beweis, dass es keinen Gott gibt? Oder dass Gott keinen Einfluss auf die wirkliche Welt hat? Was nützt dann der Glaube? Viele haben den Glauben und die Hoffnung aufgegeben.

Paul Gerhardt aber war von einem ganz anderen Lebensgefühl getragen. Seine Hoffnung ist geblieben. Eine andere Hoffnung!

Nicht die Hoffnung nach vorne, auf eine bessere Zukunft: dass der Krieg aufhört, dass es wieder normal wird. „Normal“ konnte sich nach 25 Jahren Krieg sowieso niemand mehr vorstellen.

Paul Gerhards Hoffnung war eine Hoffnung nach oben. Er hat geschrieben:
Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reißt unsern Geist aus viel tausend Nöten, schließt das Tor der bittern Leiden und macht Bahn, da man kann / gehn zu Himmelsfreuden
(V.8).

Der Tod kann uns nicht töten! Was für ein Satz! In allem, was zerfällt, verbrennt, stirbt, ist da auf einmal ein fester Boden: Der Tod kann uns nicht töten!

Ja, es kann viel schlimmes passieren. Aber der Tod kann uns nicht töten. Sondern, im Gegenteil: der Tod reißt/ unsern Geist / aus viel tausend Nöten.

Es ist ein neuer Blick auf den Tod. Mit dem Tod hört etwas auf. Aber nicht das Leben! Sondern das Schlimme! All die tausend Nöte, unter denen wir leiden können, die hören mit dem Tod auf.

So verwandelt sich das Bild vom Tod. Der Tod ist kein Schrecken mehr, sondern ein Freund. Niemand kann mehr drohen mit dem Tod. Denn der Tod ist eine Tür, durch die es in eine neue Richtung geht.

Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reißt unsern Geist aus viel tausend Nöten, schließt das Tor der bittern Leiden.

Der Tod schließt das Tor der bittern Leiden. Das Schlimme bleibt zurück, die Tür ist zu. Wenn wir durch sind durch den Tod, durch dieses Tor, sind wir entkommen!  Dann gehen wir hinein in die Himmelsfreuden.
„Himmelsfreuden“ ist mir ein bisschen zu barock. Ich sage lieber: Dort, auf der anderen Seite vom Sterben, wird unser Leben leicht und frei.

Aber ich denke, trotz der barocken Formulierungen merken wir, wie sicher sich Paul Gerhardt in dieser Hoffnung gefühlt hat: Der Tod kann uns nicht töten!

Und ich meine, es ist an der Zeit, dass wir modernen Christen diese Sicherheit wiederentdecken. Die Sicherheit, die von woanders herkommt.

Denn so lange wir Sicherheit suchen bei irgendetwas, was wir anfassen können, bei irgendetwas, was Menschen entwickelt und gemacht haben, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Nichts, was Menschen sich ausdenken können, kann uns die Angst vor dem Sterben nehmen. Einfach weil kein Mensch das Sterben verhindern kann.

Nur eines hilft wirklich gegen die Angst: ein neuer Blick auf das Sterben. Sterben ist nicht das Ende. Sondern eine Tür, durch die das Leben weitergeht.

Der Tod kann uns nicht töten!

Paul Gerhardt
Warum sollt ich mich denn grämen

1. Warum sollt ich mich denn grämen?
Hab ich doch Christus noch,
wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben,
den mir schon Gottes Sohn
beigelegt im Glauben?

2. Nackend lag ich auf dem Boden,
da ich kam, da ich nahm
meinen ersten Odem;
nackend werd ich auch hinziehen,
wenn ich werd von der Erd
als ein Schatten fliehen.

3. Gut und Blut, Leib, Seel und Leben
ist nicht mein, Gott allein
ist es, der’s gegeben.
Will er’s wieder zu sich kehren,
nehm er’s hin; ich will ihn
dennoch fröhlich ehren.

4. Schickt er mir ein Kreuz zu tragen,
dringt herein Angst und Pein,
sollt ich drum verzagen?
Der es schickt, der wird es wenden;
er weiß wohl, wie er soll
all mein Unglück enden.

5. Gott hat mich in guten Tagen
oft ergötzt; sollt ich jetzt
nicht auch etwas tragen?
Fromm ist Gott und schärft mit Maßen
sein Gericht, kann mich nicht
ganz und gar verlassen.

6. Satan, Welt und ihre Rotten
können mir nichts mehr hier
tun, als meiner spotten.
Lass sie spotten, lass sie lachen!
Gott, mein Heil, wird in Eil
sie zuschanden machen.

7. Unverzagt und ohne Grauen
soll ein Christ, wo er ist,
stets sich lassen schauen.
Wollt ihn auch der Tod aufreiben,
soll der Mut dennoch gut
und fein stille bleiben.

8. Kann uns doch kein Tod nicht töten,
sondern reißt unsern Geist
aus viel tausend Nöten,
schließt das Tor der bittern Leiden
und macht Bahn, da man kann
gehn zu Himmelsfreuden.

9. Allda will in süßen Schätzen
ich mein Herz auf den Schmerz
ewiglich ergötzen.
Hier ist kein recht Gut zu finden;
was die Welt in sich hält,
muss im Nu verschwinden.

10. Was sind dieses Lebens Güter?
Eine Hand voller Sand,
Kummer der Gemüter.
Dort, dort sind die edlen Gaben,
da mein Hirt Christus wird
mich ohn Ende laben.

11. Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden,
du bist mein, ich bin dein,
niemand kann uns scheiden.
Ich bin dein, weil du dein Leben
und dein Blut mir zugut
in den Tod gegeben;

12. du bist mein, weil ich dich fasse
und dich nicht, o mein Licht,
aus dem Herzen lasse.
Lass mich, lass mich hingelangen,
da du mich und ich dich
leiblich werd umfangen.

Paul Gerhardt, 1607-1676