Schmerz und Leben

In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und seine Mantelborte füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.

Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich habe unreine Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde bedeckt sei.

Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

(Jesaja 6, 1- 8)

____________

Heilig – meistens versteht man das so, dass jemand fast übernatürlich gut ist, keine Fehler macht. Ein heiligmäßiges Leben. Aber vielleicht ist es etwas ganz anderes.

Der Prophet Jesaja hat eine Vision gehabt. Er hat mehr gesehen als Menschen normalerweise sehen.

Was ist eine Vision? Etwas wie ein Traum? Innere Bilder? Für Jesaja war es die Wirklichkeit – ein Blick hinter den Vorhang, der normalerweise unsere kleine Welt von der vollen Wirklichkeit abschirmt.

Als Jesaja diese Vision hatte, war er im Tempelvorhof. Gottesdienst wurde im alten Jerusalem im Hof des Tempels gefeiert, also nur im Freien. Das Tempelhaus war allein Gottes Haus. Da durfte niemand rein. Drinnen war es auch dunkel, den das Gotteshaus hatte keine Fenster. Den Tempel können wir uns etwa so groß vorstellen, wie unser Kirchenschiff. Aber eben ohne Fenster. „Gott will im Dunkel wohnen“, hat man gewusst.

Die hohen Türen des Tempelhauses waren offen und bestimmt haben die Leute von draußen hineingeschaut und versucht, im Inneren etwas zu erkennen. Denn da drinnen – ganz hinten – hat man gewusst, da thront Gott. Doch in der Dunkelheit war nichts zu sehen.

Der Prophet Jesaja hat zusammen mit den anderen Leuten im Vorhof gestanden und hat auch ins Dunkel des Gotteshauses hineingeschaut. Doch ihm ist das Dunkel auf einmal hell geworden.  Sehr hell. Erschreckend. Er hat Gott gesehen. Aber nicht, wie er ihn sich wahrscheinlich immer vorgestellt hat, als etwas vergrößerten Menschen hinten im Tempelhaus auf einem Thron sitzend.

Sondern gigantisch. Allein die Borte unten an seinem Mantel hat das gesamte Tempelhaus gefüllt. Und dann ging es weiter nach oben, immer höher hinauf, schwindelerregend, in einen Himmel, der nicht mehr blau war, sondern – offen: Gottes ewiger Himmel.

Und um Gott hat Jesaja Wesen gesehen, die wir uns nicht wirklich vorstellen können: Serafim – das sind keine lieben Engelein, sondern feurige Drachen mit dem Kopf einer Cobraschlange – das sind die Diener Gottes. Die haben unablässig gerufen: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“

Vom Rufen dieser Cobra- Serafinen erbebte das ganze Haus. „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth.“ Das müssen wir uns wie ein furchtbares Donnern vorstellen, viel zu gewaltig für den Menschen Jesaja. Er hat geschrien: „Weh mir, ich vergehe!“ Als ob er verbrennen würde. Als ob Gott ein loderndes Feuer wäre – „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth.“

Wenn „heilig“ so ist, dann ist es ganz anders, als wir es gewöhnlich verstehen. „Heilig“ in der Bibel hat nichts zu tun mit anständigem Verhalten. Was heilig ist, wirkt auf uns Menschen wie Feuer.

Auch auf Jesaja, den Propheten hat der heilige Gott so gewirkt. Deshalb hat Jesaja geschrien. „Weh mir, ich vergehe! Denn ich habe unreine Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen.“

Bis gerade eben, können wir annehmen, hat Jesaja sich noch ganz anders gesehen. Er war ja beim feierlichen Gottesdienst – und hat sich wahrscheinlich ziemlich gerecht gefühlt, als Teil der gottesfürchtigen Gemeinde, die zu Gott gebetet und Opfer dargebracht hat. Vielleicht im Unterschied zu den Gottlosen, die nie in den Tempel kommen.  

Doch dann war für Jesaja plötzlich Gott selber da, Gottes Heiligkeit wie ein glühendes, prasselndes Feuer. Ein Schlag, ein Schock für den frommen Jesaja. Augenblicklich war das gute, gerechte Gefühl weg. Statt dessen Entsetzen: „Weh mir, ich vergehe!“  Vor Gottes Heiligkeit verglüht der Unterschied zwischen Frommen und Gottlosen, Guten und Bösen, den wir Menschen so gerne machen.

Der heilige Gott – ein Feuer.

Können wir das nachvollziehen? Nicht jeder hat ja so eine Vision wie Jesaja. Wo können wir Menschen ohne Vision dem heiligen Gott gegenüberstehen?

Am allermassivsten und absolut unausweichlich, denke ich, stehen wir Gott gegenüber, wenn wir mit dem Tod zu tun bekommen. Wer einmal dabei war, wie ein geliebter Mensch gestorben ist, kann vielleicht nachfühlen, was ich meine. Wer versucht hat, den Sterbenden zu halten aber erleben musste, wie da etwas zieht, von der anderen Seite, was so unendlich mächtig ist.

Im Tod begegnen wir der absoluten Übermacht Gottes am direktesten.

Doch genauso in dem, was für uns wie das Gegenteil von Sterben wirkt: wenn ein Kind geboren wird. Wenn man als Vater oder Mutter das Neugeborene im Arm hält, kann da einen Augenblick lang die Erkenntnis sein: „Dieses neue Leben, das habe nicht ich gemacht; so etwas kann ich nicht machen, kein Mensch kann es. Es ist ein Wunder!“ Bis dann das Wunder zu schreien anfängt und versorgt werden muss und seine Eltern um den Nachtschlaf bringt.

Es sind nur Augenblicke, in denen der Vorhang einen Spalt weit aufgeht. Doch solche Augenblicke kann es geben, auch ohne Vision.

So eine Begegnung mit dem heiligen Gott erschüttert uns. Weil wir merken, dass da etwas ungeheuer Großes ist. Und weil wir merken, dass wir im normalen Leben ausgerechnet dieses gigantisch Große, was hinter allem steht, nicht wahrnehmen.

Deshalb erschüttert uns so eine Begegnung. „Weh mir, ich vergehe!“, hat Jesaja gerufen, „denn ich habe unreine Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen.“ Sobald wir die Heiligkeit Gottes spüren, wird uns klar, dass wir vor ihm nicht bestehen können. Gott ist wie Feuer. Und wir wie Papier.

Gott will uns aber nicht verbrennen. Das hat auch Jesaja erlebt. „Da flog einer der Serafim zu mir, (so ein geflügelter Drache), und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm. Und er rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen und deine Sünde weggetan ist.“

Jesaja hat die Sünde vor allem mit den Lippen verbunden. Denn mit dem, was wir reden, richten wir den größten Schaden an: mit unseren Lügen, den falschen Versprechungen, Beleidigungen, Verrat und all dem anderen, womit wir die Menschen verletzen, denen wir wichtig sind.

Der Seraf berührt Jesajas Lippen mit der glühenden Kohle, mit dem Feuer vom Altar. Das Feuer auf dem Altar ist der äußerste Rand, wo Gottes Gegenwart materiell in unserer Welt zu fassen ist. Ein Symbol.

Doch dieses Symbol ist ganz anders als ein Verkehrszeichen. Im Feuer ist Gott selbst. Gott ist nicht nur wie Feuer. Gott ist Feuer. Gott selbst berührt Jeremia.

Das tut weh.

Aber: Jeremia verbrennt nicht. Gott hat sich mit ihm verbunden. Der Schmerz heilt. Neues wird möglich.
Das ist, was die Bibel Gnade nennt, oder Liebe. Wahrscheinlich können wir Gottes Liebe überhaupt nur spüren, wenn wir vorher durch den Schmerz durchgegangen sind.

Zum Glück ist es selten, dass wir so direkt mit dem heiligen Gott zu tun bekommen, wie Jesaja und dass wir so erschüttert werden. Wahrscheinlich würden wir es nicht aushalten, wenn das öfter geschehen würde.

Doch ein bisschen die Heiligkeit Gottes erleben, ist auch etwas. Schon bei einem normalen Besuch in der Kirche können wir etwas von ihm spüren: der große Raum, der uns umgibt, der Altar, das Kreuz. Ich merke etwas von Gottes Heiligkeit, sobald ich die Kirche betrete. Die alten Baumeister unserer Kirchen haben Gotteshäuser gebaut, die etwas von seiner gewaltigen Größe aufscheinen lassen.

Deshalb betreten wir eine Kirche auch ehrfürchtig. Wir reden nicht mehr über Belanglosigkeiten. Wir verhalten uns so, wie es sich gegenüber dem großen Gott gehört.

Denkt jemand: „Ach, das kann man doch heute nicht mehr so sehen, das kann man doch heute viel lockerer nehmen“?

Vielleicht ist genau das der fatale Irrtum unserer modernen Zeit: dass viele meinen, die Menschen hätten alle Macht im Himmel und auf Erden. Gott kommt ja im Denken von vielen Leuten gar nicht mehr vor.

Trotzdem merken wir ihn – ob wir an ihn glauben oder nicht.

Die Klimakatastrophe etwa, kann man auch anders sehen: das Klima ändert sich und die Menschen mit all ihren technischen Möglichkeiten schaffen es nicht, es zu verhindern.

Oder wenn sich weltweit das politische Gefüge verschiebt, das uns seit Jahrzehnten sicheres Leben und Wohlstand ermöglicht hat. Viele stemmen sich dem entgegen. Doch es gelingt nicht, die Veränderungen aufzuhalten.

Oder ganz schlicht: wenn jemand stirbt trotz aller ärztlichen Bemühungen.

Die Vision von Jesaja kann uns die Augen öffnen für den gewaltig großen Gott. Mit diesen offenen Augen erkenne ich Gott dann auch ohne Vision – in meiner ganz normalen Welt.

Vielleicht zittere ich dann: „Weh mir, ich vergehe!“ Vielleicht tut es schrecklich weh.

Doch jeder tiefe Schmerz den ich spüre kann die Berührung mit der Kohle sein. Der Moment, wo der heilige Gott sich mit mir verbindet. Da geschieht das Wunder: der heilige Gott, der gewaltig große, verbindet sich mit mir. Und ich lebe. Der Schmerz wird heilen. Ich werde leben – verbunden mit dem, der alles trägt.   

Bild von Isaín Calderón auf Pixabay

Werbeanzeigen