Wie ein Vulkan

Das Jahr 2020 werden wir wahrscheinlich nie mehr vergessen. Vielleicht wird 2020 einmal eine Jahreszahl sein wie 1914 oder 1939 – ein Knick in der Weltgeschichte. Auf jeden Fall gibt es ein Vorher und Nachher. Welche der Veränderungen sich wieder rückgängig machen lassen, lässt sich noch nicht absehen. Doch klar ist schon jetzt: so wie im vergangenen Jahr wird es nie wieder sein. Die Zukunft wird anders.

Ob diese Zukunft besser oder schlechter wird?

Das kann jetzt niemand sagen. Es war ja auch bis zum letzten Jahr nicht alles gut. Die ganze Welt, die Natur, wir Menschen, war in einem Strudel aus „immer schneller, immer mehr“. Die Natur hat geächzt unter dem, was die Industriezivilisation auswürgt.

So konnte es nicht ewig weitergehen. Jetzt ist manches ausgebremst. Manches rotiert aber noch schneller, etwa alles, was mit Digital und Online zu tun hat. Und in schwindelerregenden Mengen wird neues Geld geschaffen. Auf jeden Fall wird die Zukunft anders.

In der Bibel wird die Geschichte erzählt, wie Mose das Volk Israel aus Ägypten geführt hat. Auch in die Zukunft, zugleich in die Wüste. In dieser Geschichte gibt es ein kleines Detail. In nur zwei Sätzen wird erzählt: auf der Wanderung ging ihnen Gott voraus – am Tag in einer Wolkensäule und bei Nacht in einer Feuersäule (2. Mose 13,20-22).

Ich konnte damit nie viel anfangen. Klar, gemeint ist: Gott hat dem Volk Israel den Weg gezeigt. Aber eine wandernde Wolke oder Feuersäule hat ja doch ziemlich märchenhafte Züge. Mitten in all den Veränderungen spricht mich das Bild aber plötzlich an. Zuerst die Feuersäule. Was ist damit eigentlich gemeint? In der Bibel wird Gottes Erscheinen immer wieder mit einem Vulkanausbruch verglichen: ein Berg, der Feuer speit – eine Feuersäule hoch in den Himmel. Auch die Wolkensäule passt dazu. Ich erinnere mich an Bilder von Vulkanausbrüchen, wo eine massige graue Wolkensäule kilometerweit in den Himmel steigt. Und nachts das Feuer.

Ein Gott wie Feuer, Gott wie ein Vulkan.   

Das passt nicht in den harmlos-lauen Reli-Unterricht der letzten Jahre. Aber zur Bibel passt es. In der Bibel ist Gott nie harmlos. Sondern gewaltig, furchtbar, ehrfurchtgebietend. Deshalb ist ja die Weihnachtsgeschichte so etwas besonderes, weil da der gewaltige, furchtbare Gott als Kind in der Krippe Mensch wird. Aber trotz Krippenkind bleibt Gott der gewaltige Allmächtige. Und für die Menschen in biblischer Zeit hat für diesen Gott das Bild vom Vulkan gepasst.

Vielleicht passt es auch heute noch. Ich habe mich ja seit Beginn der Corona-Sache gefragt, wie es sein kann, dass praktisch die ganze Welt am gleichen Strick zieht. Dass die Politiker auf den verschiedensten Kontinenten in verschiedenen Systemen die gleichen Maßnahmen verordnen.
Schon, es gibt die globalen Organisationen, die Abweichler auf Linie gebracht haben: die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds, das Weltwirtschaftsforum. Aber trotzdem: dass sich so viele Volkswirtschaften so sehr ins eigene Fleisch schneiden – das ist irrational. Wenn es so weitergeht, dann würgt sich diese Industriezivilisation selber ab.

Ob wir da Gottes Spur sehen, der wie ein Vulkan durch den globalen kapitalistischen Moloch walzt?

Natürlich, der Gedanke befremdet. Vor allem befremdet vielleicht der Gedanke, dass von Gott wirklich eine spürbare, sichtbare, unentrinnbare Wirkung ausgehen könnte. Ich vermute, die meisten denken Gott eher klein als etwas individuell-Innerliches.

Aber auch der Gedanke, dass etwas Schlimmes, gar Zerstörung von Gott ausgehen könnte, befremdet. Als ich in der dritten Klasse erzählt habe, wie beim Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer das Wasser zurückgekommen und die ganze ägyptische Armee ertrunken ist, hat ein Mädchen entsetzt gerufen: „Auch die Pferde!?“ „Ja“, musste ich bestätigen, „auch die Pferde.“ „Aber das darf Gott nicht!“

Als ob wir Menschen Gott vorschreiben könnten, was er darf und was nicht.

Der größte Unterschied zwischen dem Glauben der Bibel und unserem harmlos modernen Glauben ist, dass in der Bibel Katastrophen ganz selbstverständlich mit Gott in Verbindung gebracht werden. Während moderne Theologen angesichts von Katastrophen ratlos werden. Höchstens noch mutmaßen, dass Gott mit den Opfern unter der Katastrophe leidet.  

Aber so einen hilflosen Gott braucht kein Mensch. Leiden können wir auch ohne Gott. Deshalb bin ich so froh darüber, dass uns die Bibel Gott so anders vorstellt. Zum Beispiel als Wolken- und Feuersäule, als Vulkan.

Ja, dann muss ich die Möglichkeit von Gewalt und Zerstörung mitdenken, wenn ich an Gott denke. Aber dann kann ich auch immer da, wo ich mit Gewalt, Zerstörung, Katastrophen konfrontiert bin, fragen, ob sich darin vielleicht auch Spuren von Gott erkennen lassen.

Seltsamerweise tröstet mich dieser Zugang zu einer Katastrophe. Denn so fühle ich mich im Schlimmen nicht von Gott verlassen. Sondern erwarte im Schlimmen Gottes Nähe. Denn Gott ist ja nicht nur Gewalt und Zerstörung. Sondern bei Gott ist immer auch Geborgenheit und Liebe. Was für uns Menschen ein unlösbarer Widerspruch ist, scheint für Gott eines zu sein.
Mein Verstand ist zu klein dafür. Ich versuche gleich gar nicht, den Widerspruch aufzulösen. Mir reicht es, wenn ich in dem, was ich als Katastrophe erlebe, auch Geborgenheit und Liebe finden kann.

So war es für mich im vergangenen Jahr. Wenn ich es recht überlege, passt das biblische Bild ganz gut zu dem, wie ich dieses Jahr erlebt habe: Da war ein Vulkan, der vieles von dem, was mir lieb und wertvoll war, zerstört hat. Das hat mir zu schaffen gemacht. Ich habe nur ungern losgelassen.   

Verwirrt, manchmal benommen, bin ich dem Vulkan hinterhergetappt, wie er sich durch das Jahr gewälzt hat. Aber dann auch immer zuversichtlicher. Weil ich gemerkt habe, wie in der Spur dieses Vulkans Neues aufgeht. Da zerbröseln verkrustete Strukturen. Und es entstehen Möglichkeiten, an die ich bisher nicht einmal gedacht habe.

Und trotz dem, was schwieriger geworden ist, habe ich Geborgenheit, Liebe, Verbundenheit zwischen Menschen erlebt. Auch Vertrauen und Wahrheit. Genau das, was die Bibel denen verspricht, die sich nahe bei Gott halten.

Vielleicht ist es ja merkwürdig. Aber mich tröstet der Gott, der wie ein Vulkan ist. Weil dieser Vulkan zugleich die Quelle des Lebens ist. 

Diesem Gott vertraue ich: Was geschieht, geschieht, weil er es will. Er weiß, was er tut.
Er geht voraus, als Wolkensäule und Feuersäule. Ich will ihm nachgehen, in dieses neue Jahr.