Wie Gott redet

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. (Apostelgeschichte 16, 9-10)

Wenn ich das so höre, tut sich mir zuerst einmal ein tiefer Graben auf: zwischen meiner Welt, meinem Leben hier und der Welt der Bibel. Paulus hat bei Nacht eine Erscheinung. Es ist ihm sofort klar: Dadurch will mir Gott etwas sagen. Und am nächsten Morgen bucht er die Schiffspassage nach Europa. Gott redet und Paulus versteht ihn.

Das ist ein bisschen wie in den Märchen, wo es heißt: „Es war einmal in der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat …“. Und jedem ist klar: diese Zeit hat es nie gegeben.

Vielleicht aber ist der Graben gar nicht so tief. Es könnte sein, , dass der große Unterschied zwischen Bibel und unserer Welt hauptsächlich in unserem Kopf besteht – bei dem, was wir für möglich halten und was nicht.

Diese Erscheinung, die Paulus in der Nacht gehabt hat, das warja wohl ein Traum. Und Träume haben wir heute auch. Könnte es sein, dass Gott auch zu uns durch Träume redet, genauso wie zu Paulus?

Wenn Ihnen dieser Gedanke fremd ist, sind Sie damit nicht allein. Gerade in der evangelischen Kirche sagt man ja: Die Bibel ist „Gottes Wort“. Also: wenn man wissen will, was Gott sagt, dann muss man in der Bibel lesen. Bloß, wenn wir uns das mal genau überlegen: In der Bibel steht ja höchstens, was Gott gesagt hat – früher! Heißt das dann, dass Gott irgendwann verstummt ist, sozusagen als die Bibel fertig geschrieben war und man sie zugeklappt hat?

Aber warum hätte Gott irgendwann verstummen sollen? Das ist doch ein absurder Gedanke. Wie wäre das, wenn Gott heute noch genauso reden würde wie in der Zeit von Paulus? Wir können das je einfach mal überlegen – probeweise.

Wie ist das mit unseren Träumen? Anscheinend träumt jeder Mensch. Aber oft entgleiten uns die Träume ganz schnell wieder. Sie lassen sich nur schwer festhalten. Deshalb gibt es auch den Spruch: „Träume sind Schäume“ – wie Schaum sich spurlos auflöst, so auch die Träume.

Doch es gibt auch andere Träume. Es gibt Träume, die uns nach dem Aufwachen seltsamerweise noch glasklar in Erinnerung sind. Die uns noch lange beschäftigen. Manchmal beunruhigen. Große Träume.

Woher kommt so ein Traum? Aus dem Unbewussten, sagen die Psychologen. Aber was ist das Unbewusste? Die Psychologen haben verschiedene Theorien, aber jede endet im Nebel. 

Die Bibel weiß, dass im Nebel Gott wartet. Im Buch Hiob gibt es einen interessanten Abschnitt. Das Hiobbuch besteht ja aus lauter Gesprächen zwischen dem kranken Hiob und seinen Freunden, eigentlich immer ein Streit. Doch bei einem der Freunde, Elihu, hört Hiob nur still zu. Dieser Elihu sagt: „Auf eine Weise redet Gott und auf eine zweite; nur beachtet man’s nicht. Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, / wenn sie schlafen auf dem Bett, da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie, / damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende / und bewahre seine Seele vor dem Verderben / und sein Leben vor des Todes Geschoss.“ (Hiob 33,15- 18)

Elihu legt den Finger auf das Problem: man beachtets nicht. Anscheinend haben die Menschen in biblischer Zeit auch schon Träume als Schäume abgetan. Dabei können anscheinend wenigstens manche Träume Gottes Wort sein.

Aber nicht nur Träume können Gottes Wort sein. Elihu weiß noch ein zweite Weise, wie Gott zu uns redet: „Auch warnt er den Menschen durch Schmerzen auf seinem Bett und durch heftigen Kampf in seinen Gliedern / und richtet ihm sein Leben so zu, dass ihm vor der Speise ekelt, und seine Seele, dass sie nicht Lust hat zu essen. / Sein Fleisch schwindet dahin, dass man’s nicht ansehen kann, und seine Knochen stehen heraus, dass man lieber wegsieht“ (Hiob 33, 19-21).

Durch Krankheit, durch Schmerzen redet Gott, sagt Elihu. Da sträubt sich wahrscheinlich alles in uns: Es kann doch wohl nicht sein, dass Gott uns krank macht!

Nein, Gott will uns bestimmt nicht quälen. Aber wenn er redet, und wir hören nicht? Zuerst, sagt Elihu, versucht es Gott durch Träume. Nur, dieses leise Reden Gottes können wir ignorieren. Einen Traum kann man leicht wegwischen. Krankheit und Schmerzen können wir dann nicht mehr ausblenden.

Das Ziel bei allem Reden Gottes ist aber, dass wir leben. Elihu sagt: „Da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie, damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende / und bewahre seine Seele vor dem Verderben und sein Leben vor des Todes Geschoss.“

Es ist, wie wenn wir blind auf einen Abgrund zutappen. Wenn alles Rufen nichts nützt, weil unsere Ohren verstopft sind, wirft Gott uns um, damit wir anhalten. Besser hinfallen als abstürzen.  Gott will, dass wir leben!

Das ist das Evangelium, die wunderbare Nachricht: Wir sind Gott nicht egal. Wir liegen ihm am Herzen, so sehr, dass er nicht locker lässt, dass er alles dransetzt, uns aufzuhalten, dass wir nicht zugrunde gehen. Gott will, dass wir leben!

Ja, aber wenn wir Gott so wichtig sind, angeblich, warum redet er – bitteschön – dann nicht deutlicher? Wer kann schon mit Träumen etwas anfangen? Im Traum erleben wir Dinge, die gar nicht sein können, die nur verwirren. Und wenn Gott uns Schmerzen und Krankheiten schickt: das ist doch alles kein Klartext!

Aber Worte sind auch kein Klartext. Wir wissen alle, wie leicht es zu Missverständnissen zwischen zwei Menschen kommen kann, obwohl beide Deutsch reden, obwohl sich beide gut kennen. Auch Worte sind nichts eindeutiges. Was ich verstehe, kann etwas ganz anderes sein, als was mein Gegenüber sagen will.

Für das „Gespräch“ mit Gott gilt das genauso. Wir können nur versuchen sehr offen zu sein. Und nicht zu meinen, wir wüssten, wie Gott ist und was er tun darf und was nicht. Ganz schlecht ist es, wenn wir überzeugt sind: Gott ist gut. Denn unter „gut“ verstehen wir ja in der Regel das, was wir für gut halten, das was uns gefällt.    

Aber Gott sagt nicht nur Ja zu unseren Wünschen und Bitten, sondern auch einmal Nein. Und dann kann es sein, dass ein gläubiger Mensch verzweifelt, weil er meint, dass Gott nichts von sich hören lässt. Dabei redet Gott eigentlich sehr deutlich, nur bringt dieser verzweifelte Mensch das, was ihm widerfährt, nicht mit Gott in Verbindung.

Ich habe schon so oft gehört: Wo ist Gott in dieser Welt? Wie kann Gott das zulassen? Elihu, der Freund Hiobs, hat mir die Augen geöffnet für eine erweiterte Sicht der Dinge: auch in dem Schlimmen, was mir passiert, kann Gott mich ansprechen – vielleicht sogar durch das Schlimme.

Doch tatsächlich: das Reden Gottes kommt wie aus einem Nebel. Es braucht Zeit, bis aus einem Unglück, das mir vielleicht passiert ist, die Stimme Gottes Gestalt gewinnt. Das ist, wie wenn sich im Nebel eine Kontur abzuzeichnen beginnt, die langsam deutlicher wird. Das braucht Zeit, es braucht Übung, es wahrzunehmen. Aber es geht.

Paulus war anscheinend schon geübt. Er hat schon den Traum verstanden. „Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ Ich vermute allerdings, dass dieser Traum für Paulus zuerst auch nicht so klar war. 

Wahrscheinlich hat Paulus, wie wir auch, über seinen Traum nachdenken müssen, hat den Bildern nachgespürt und den Gefühlen, die er im Traum gehabt hat. Bis sich für ihn langsam zusammengefügt hat, was Gott von ihm will.

Ob er allerdings wirklich sicher war? Er hat die Fahrkarte fürs Schiff gekauft. Doch ich kann mir vorstellen, dass Paulus wieder ins Zweifeln gekommen ist, als das Schiff angelegt hat. Denn als er in Europa an Land gegangen ist, hat da niemand auf ihn gewartet. Nein, kein Mensch hat Paulus beachtet.

Paulus und Silas sind dann zu Fuß in die nächste Stadt gegangen, nach Philippi. Aber auch dort hat niemand auf sie gewartet. Einige Tage lang waren sie in der Stadt, aber niemand hat sich für sie interessiert – ganz anders als im Traum. Ich kann mir vorstellen, dass den beiden da ziemliche Zweifel gekommen sind, ob der Traum nicht doch bloß ein Hirngespinst war.

Am Sabbat sind sie dann an den Fluss vor die Stadt hinausgegangen. Sie haben gehört, dass sich dort Leute zum Beten treffen, also offenbar Juden. Aber das war keine richtige jüdische Gemeinde, zu der mindestens 10 Männer gehören. Das waren nur Frauen. Paulus und Silas haben sich zu ihnen gesetzt und sich unterhalten. Und eine der Frauen hat ihnen zugehört: Lydia, eine Purpurhändlerin aus Kleinasien. Sie hat sich sogar taufen lassen.

Doch als Lydia Paulus und Silas in ihr Haus eingeladen hat, hat sich Paulus gesträubt. Lydia war nicht das, was er erwartet hat. Erstens war sie eine Frau, und dann nicht einmal gebürtige Makedonierin.

Vielleicht er immer noch gezweifelt, ob dieser Traum wirklich Gottes Wort war. Ob er ihn richtig gedeutet hat. Doch schließlich haben sie Lydias Drängen nachgegeben und sind bei ihr zu Gast geblieben. Mehrere Wochen lang. Und in diesen Wochen ist Lydias Haus zur Keimzelle der ersten christlichen Gemeinde in Europa geworden.

Der Traum war also tatsächlich Gottes Wort. Aber erst im Rückblick ist es klar geworden.

Und das ist immer so: ob wirklich Gott gesprochen hat, merken wir erst im Nachhinein. Wenn schon kein menschliches Wort Klartext ist, dann erst recht nicht Gottes Weise, durch Träume oder durch unseren Körper mit uns zu reden.

Ich bin überzeugt, dass Paulus es nicht leichter hatte als wir. Trotzdem hat er es riskiert, sich von diesem Wort führen zu lassen. Es hat sich für ihn gelohnt. Und für uns wird es sich genauso lohnen. Denn Gott führt uns auf einem Weg, auf dem wir das Leben finden.

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