Die Dunkelheit hat verloren

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. … Ihr wisst doch, dass es Zeit ist! Wacht auf! Denn unser Heil ist nahe – näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe! Lasst uns ablegen, was man in der Finsternis tut und die Waffen des Lichts ergreifen. (Römerbrief 13, 8-12)

Die Nacht! So früh beginnt sie schon in diesen Tagen. Und sie steht ja für mehr, die Nacht: für das, was Angst macht, das Gefährliche, was uns unerwartet bedroht.

Zwei Kinder sind innerhalb von wenigen Wochen tödlich verunglückt. Für die Familien ist es jetzt Nacht. Ein paar von unseren Konfirmandinnen gehen morgens auf ihrem Schulweg über die gleiche Ampel, die dem 13- jährigen Jungen zum Verhängnis geworden ist. „Es hätte auch mich treffen können.“ Man denkt nichts schlimmes, plötzlich ist es da. Zu spät – Nacht.

Was kann man tun? „Ich lasse meine Tochter nicht mehr allein in die Schule gehen!“ Ja, sicher ist sicher! Doch wenn sich die Vorsicht über das ganze Leben legt? Was im Straßenverkehr sinnvoll ist, kann das Leben lähmen: Wenn ich vor jedem Schritt alles durchdenke, was passieren könnte. Und dann lieber auf den Schritt verzichte.

So passiert vielleicht weniger. Doch die Angst bleibt. Ich kann im Haus bleiben, so lange es Nacht ist. Kann den Schlüssel zweimal umdreht und die Kette vorlegen. Doch wann ist die Gefahr vorbei? Wie lange dauert die Nacht?

Auch der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief von der Nacht. Er hat gewusst, was in der Dunkelheit lauert. Weil er schlimmes erlebt hat. Doch er hat nicht in die Dunkelheit gestarrt. Für ihn war die Nacht schon im Schwinden.  

Ich lese nochmal, wie Paulus über die Nacht schreibt: „Ihr wisst doch, dass es Zeit ist! Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unser Heil ist nahe – näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe! Lasst uns ablegen, was man in der Finsternis tut und die Waffen des Lichts ergreifen.“

„Aufwachen vom Schlaf“ –  „ablegen, was man in der Finsternis tut“ – „die Waffen des Lichts ergreifen“. Es ist immer noch Nacht. Doch Paulus lässt sich nicht lähmen: Los, aufstehen! An die Arbeit!

Wie kommt Paulus darauf? Hat sich etwas verändert in der Welt?  

Nicht in der Welt. Der Autoverkehr bleibt einen tödliche Gefahr, Krankheiten, Kriege, Gewalt und Mord. Doch „unser Heil ist nahe – näher als damals, als wir zum Glauben kamen.“  Wie hat Paulus das gemeint? Warum sollte das Heil jetzt näher sein als vorher?

Paulus war überzeugt, dass Jesus Christus wiederkommen wird – bald, so lange er noch lebt. Und dass dann eine neue Welt beginnen wird, in der es keine Nacht mehr geben wird: keine Gewalt, keine Angst und keine Krankheiten.  

Paulus war deshalb so fest überzeugt, weil er gemeint hat, genau das hätte Jesus angekündigt. In all seinen Briefen hat Paulus nur einen einzigen Satz von Jesus zitiert. Und das ist der, den wir auch aus den Evangelien kennen, wo Jesus gesagt hat: „Es stehen einige hier, die werden nicht sterben, sondern erleben, wie das Reich Gottes kommt.“ (Markus 9, 1).

Also: einige Jünger werden es noch erleben, dass das Reich Gottes kommt. Und weil seit dem Jesussatz schon etwa 25 Jahre vergangen waren, und die Jünger inzwischen schon ziemlich alt waren, hat Paulus gedacht, es kann nicht mehr lange dauern, bis zum Anbruch des Gottesreiches.

Wir wissen, so ist es nicht gekommen. Bis heute fürchten sich die Menschen vor Unfällen, Krankheiten, frühem Sterben und Gewalt. Zu Recht! Es ist immer noch Nacht.

Hat sich Paulus geirrt?

Ja, ein bisschen schon. Vielleicht hat er Jesus nicht ganz verstanden. Denn Jesus hat nicht auf das Reich Gottes gewartet. Für ihn war es da. Jesu erster Satz über das Reich Gottes steht im Markusevangelium: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist gekommen!“ (Markus 1, 15). Also: Es ist schon da! Oder Lukas 17, 21: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“.

Das war das Neue bei Jesus: „Das Reich Gottes liegt nicht in der Zukunft. Es ist da. Ihr braucht nur drin zu leben!“

Doch was Jesus gesagt hat, war so neu und so verschieden von allem, was irgendjemand bis dahin gesagt hat, dass viele nur verwirrt waren. Sogar die Jünger. Die meisten haben gedacht: „Wir haben uns verhört. Das Reich Gottes ist doch noch nicht da?! So kann es Jesus nicht gemeint haben.“

Und so sind auch die treuen Jesusanhänger lieber bei dem geblieben, was sie auch ohne Jesus schon gewusst haben: Jetzt leben wir in der Dunkelheit. Doch irgendwann schickt Gott den Messias. Dann wir es hell und das Reich Gottes bricht an.  Der Unterschied zwischen Christen und Juden war nur, dass die Christen auf Jesus als Messias gewartet haben. Aber genau wie die Juden haben sie damit gerechnet, dass der Messias und das Reich Gottes in der Zukunft kommen wird.

Wenn Jesus es aber ganz anders gemeint hat? Wenn Jesus gar nicht sagen wollte, dass die gegenwärtige dunkle Welt irgendwann abgelöst wird vom Licht. Sondern wenn er gesehen hat: das Licht scheint trotz der Finsternis, das Licht scheint in der Finsternis?

„Das Reich Gottes ist da!“ hat Jesus in einem besetzten Land gesagt, in dem die Besatzungssoldaten geschlagen, gepeitscht und gekreuzigt haben. Und wo viele gedacht haben: Bevor ich an Gott glaube, muss er die schlimmen Verhältnisse ändern. Jesus dagegen: Sobald ihr euch ändert, seid ihr im Reich Gottes drin. Die Tür zum Reich Gottes liegt in jedem Menschen selbst.

Wenn für Jesus die Veränderung gar nicht auf der Zeitlinie liegt – also nicht in der Zukunft kommt? Wenn die Veränderung quer zu unserer Zeit liegt? Wenn der Tag – der nahe Tag – senkrecht von oben kommt?

Paulus hat Jesus verstanden. Paulus hat sich nicht eingeschlossen und in die Dunkelheit hinausgestarrt, ob Gott vielleicht die Gefahren, die Gewalt und den Tod beseitigt. Sondern er ist hinausgegangen und hat gerufen: „Wacht auf! Ihr wisst doch, dass es Zeit ist! Unser Heil ist nahe – näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe! Lasst uns ablegen, was man in der Finsternis tut und die Waffen des Lichts ergreifen.“  

Es ist immer noch Nacht, ja. Aber wir, wir Christen, lassen uns nicht von der Nacht bestimmen. Wir leben vom Licht des neuen Tages.  „Lasst uns ablegen, was man in der Finsternis tut und die Waffen des Lichts ergreifen.“

Was sind die „Waffen des Lichts“? Nichts Gewalttätiges. Was Paulus meint, hat er schon am Anfang gesagt: „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt.“ Und dann hat er aufgezählt: Nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, nicht begehren – mit einem Wort: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Liebe: die Waffe des Lichts. Geht liebevoll miteinander um. Dann wird es hell, dann seid ihr drin im neuen Tag!

Das Reich Gottes kommt nicht in der Zukunft. Es liegt nicht auf der Linie der Zeit. Es ist quer zur Zeit. Für das Reich Gottes ist immer jetzt. Sobald wir liebevoll miteinander umgehen, verändert sich etwas. Es wird hell. Mitten in der dunklen Welt mit all ihren sehr realen Gefahren entsteht eine lichte Insel.

Keine Insel der Seligen. Nein. Die Reich- Gottes- Insel ist offen – offen hin zur dunklen Welt.

Und doch leben die auf der Insel anders. Oder besser: die Insel besteht gerade in dem anderen Leben. Sie besteht dann und besteht so lange, wie Menschen miteinander auf Jesus hören und so miteinander umgehen, wie er es gesagt hat: Liebt eure Feinde! Schwört nicht, sondern sagt immer die Wahrheit. Bleibt eurem Ehepartner treu, durch meine Liebe könnt ihr das! Alles, was ihr wollt, dass euch die andern tun sollen, das tut ihnen auch!

Das ist Reich Gottes. Auf Erden. Ganz einfach. Und doch so schwer. Denn im Grund weiß ja jeder Mensch, dass ihm so ein Leben gut täte. Nur, woher soll die Motivation kommen? Aus der Welt um uns herum jedenfalls nicht. Da ist es dunkel. Und die Werke der Finsternis stehen hoch im Kurs.

Unsere Motivation kann nur der Tag sein. „Wacht auf! Ihr wisst doch, dass es Zeit ist! Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe!“ Die Dunkelheit hat verloren.

Genau das sagt uns der Advent: Die Dunkelheit hat verloren – jetzt! Es hat seinen guten Grund, dass die Adventszeit alle Jahre wieder kommt. Weil uns der Advent erinnert, dass das Heil zum Greifen nahe ist. Wir brauchen nur liebevoll miteinander leben, wie Jesus es gesagt hat. Dann sind wir drin im Heil, im hellen Tag.  Und zwar vollkommen egal, was ringsum lauert und uns bedroht. Denn das Licht des Tages ist Gottes Licht. Und sein Licht verschlingt den Tod auf ewig.