Der Lebende

Drei Frauen auf dem Weg zum Friedhof. Bestimmt sind sie langsam, zögernd gegangen. Wozu beeilen? Was dort wartet, auf dem Friedhof, läuft nicht davon. Da sind die Toten. Auch ihr Jesus – tot. Was sie dort sehen werden – den Toten – wollen sie eigentlich gar nicht sehen. Was sie vorhaben – dem toten Jesus die letzte Ehre erweisen – wollen sie eigentlich gar nicht tun.

Der Lebende war ihr Meister. Wenn sie den Toten salben, wird der Verlust nur endgültig.

Doch dann finden sie den Toten nicht. In der Grabhöhle ist es dunkel. „Da müsste er liegen. Hier war er!“ Doch Jesus ist fort.

Statt dessen zwei Männer: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? (Lukas 24, 5)

Es klingt wie ein Vorwurf. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Als ob die Frauen ein bisschen beschränkt wären: „Warum kommt ihr bloß auf den Friedhof, um Jesus zu suchen? Überall sonst. Aber doch nicht hier bei den Toten! Jesus ist der Lebende!“

Der Lebende! Jesus ist der Lebende!

Von mir sagt man: das ist der Pfarrer. Von einem anderen: das ist der Konditor oder das ist die Friseurin. Von Jesus sagen diese Männer: Das ist der Lebende! Als ob es der Beruf von Jesus wäre, der Lebende zu sein. Sein Wesen. Als ob Jesus immer und überall und grundsätzlich der Lebende wäre.

„Den Lebenden findet ihr nicht bei den Toten!Das ist doch klar!“

Für die Frauen war es nicht klar. Wie auch? Früher – da haben sie vielleicht so etwas gehofft. Dass Jesus anders ist, dass mit ihm eine neue Zeit anfängt, eine neue Welt. Dass die Mächte der alten Welt gegen ihn keine Chance haben. Doch dann haben die Mächtigen der Welt Jesus getötet. Und die Frauen sind hart aufgeprallt auf dem Boden der Wirklichkeit.

Doch die Männer mit glänzenden Kleidern reden vom Lebenden.

Und die Frauen erinnern sich: Ja, Jesus war der Lebende. Er war so eins mit dem Leben. „Da, seht die Vögel! Sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch! Und euch kennt er auch. Jedes einzelne Haar auf eurem Kopf kennt er. Darum, fürchtet euch doch nicht vor denen, die den Leib töten können! Euer himmlischer Vater weiß doch, was ihr braucht.“

Unbeschwert, fröhlich – eins mit dem Leben, eins mit Gott.

Kann es sein, dass das Sterben an diesem Leben einfach abperlt wie Wasser?  Dass Jesus, der damals so unbeschwert, fröhlich, lebendig war, immer noch lebt – obwohl sie ihn gekreuzigt haben?

Zu den Toten hat Jesus tatsächlich noch nie gepasst. Die Frauen erinnern sich, wie einmal einer zu Jesus gekommen ist und gesagt hat: „Herr, ich will bei dir bleiben! Aber ich muss zuerst noch einmal nach Hause gehen und die Beerdigung meines Vaters regeln.“ Darauf Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber komm!“

Die sich um die Toten sorgen, hat Jesus gesagt, sind selber tot! Das war hart. Für den, der seinen Vater begraben wollte. Aber auch für die anderen. Nicht nur die Verstorbenen sind tot, hat Jesus gesagt. Es gibt Leute, die sind tot, obwohl das Herz ganz normal schlägt. Wer sich zu sehr um die Toten sorgt, wer sein Herz an das Tote hängt, ist schon vor dem Sterben tot.  

Damals haben die Frauen gespürt: Für Jesus gibt eine scharfe Grenze. Hier das Leben. Auf der anderen Seite die lebenden Toten. Da will er nicht hin.

Mit der Zeit haben sie gemerkt, wie diese lebenden Toten sind: Sie machen das Leben madig. Ein Gelähmter ist aufgestanden, weil Jesus ihm die Hand gegeben hat. Er hat seine Liegematte unter den Arm geklemmt und ist hüpfend weggegangen.

„Halt, warum trägst du deine Liegematte? Heute ist Sabbat! Da ist es verboten!“
„Hey, schaut, ich kann wieder gehen! Ich bin geheilt!“
„Das interessiert uns nicht! Du machst dich strafbar!“

Die lebenden Toten. Mit ihren Gesetzen, Vorschriften, Verordnungen.

Jesus war das Gegenteil: frei, unbekümmert, lebendig. „Lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber komm! Bleib auf der Seite des Lebens!“

Jesus war der Lebende. Er hat noch nie auf die Seite der Toten gepasst. Und er hat sich nicht einschüchtern lassen. Um ihn her war Leben, Freude, Leichtigkeit. Und ist übergeströmt auf die vielen, die bei Jesus waren. Die sind gesund geworden. Auch am Sabbat. Einfach so, ohne Arzt. Nur, weil Jesus da war.

Die lebenden Toten hat das aggressiv gemacht. „Er ist gefährlich!“, haben sie den Leuten gesagt. „Niemand kann einfach so heilen, ohne Medizin. Dieser Jesus kann nicht wirklich heilen. Es ist eine teuflische Illusion!“ Doch Jesus hat sich nicht beirren lassen. Er war einfach er selbst: der Lebende.

Ihm muss aber klar gewesen sein, dass die andere Seite keine Ruhe geben wird. „Wir gehen jetzt nach Jerusalem. Dort werden sie mich verhaften, auspeitschen und töten. Am dritten Tag werde ich auferstehen!“

„Nein!“, haben die Frauen damals gerufen. „Nicht nach Jerusalem. Nicht dahin, wo die Toten alle Macht haben!“
Und auch jetzt hat sich Jesus nicht beirren lassen. „Wir gehen!“

„So schlimm wird es schon nicht kommen“, haben die Frauen gedacht. „Jesus ist ja nicht allein. Ihn töten – das werden sie sich nicht trauen.“

Doch es ist so schlimm gekommen. Noch schlimmer. Am Gründonnerstag-Abend wurde Jesus verhaftet. „Gut“, haben die Frauen gedacht, „er hat nichts verbrochen. Morgen werden sie ihn freilassen müssen.“ Doch als die Frauen Jesus am nächsten Morgen wieder gesehen haben, hat er schon am Kreuz gehangen.  

Der Lebende?  Die Frauen haben sehr gut gewusst, was Kreuzigung bedeutet: das schrecklichste Ende.

Doch Jesus war auch am Kreuz der Lebende. „Vater, vergib ihnen. Sie wissen nicht, was sie tun!“, hat er gebetet, als ihn die Soldaten festgenagelt haben. 

Zwei andere hingen daneben. Einer hat gestöhnt: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Noch am Kreuz der Lebende! Und schließlich: „Vater, ich gebe meinen Geist in deine Hände!“

Kann es sein, dass Sterben an diesem Lebenden abperlt wie Wasser? Dass Jesus der Lebende bleibt, auch wenn sein Herz nicht mehr schlägt?

Die Männer mit den strahlenden Kleidern sagen es. Ein bisschen unwirsch, vorwurfsvoll: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist doch der Lebende. Ihr wisst es doch! So lange wart ihr ganz nahe bei ihm. So lange ist sein Leben auf euch übergeströmt. Überall könnt ihr ihn finden, aber nicht auf dem Friedhof.“

Fast schon glauben es die Frauen. Sie rennen in die Stadt, zu den Jüngern, wollen sie in die Osterfreude hineinnehmen. Doch statt dessen eine kalte Dusche. Den Jüngern „erschienen ihre Worte, als wär’s Geschwätz und sie glaubten ihnen nicht.“ Was jetzt? Doch zu Ende?

Nein. Jesus ist der Lebende. An ihn muss niemand glauben. Ihn muss niemand finden. Er findet seine Leute. An diesem Ostertag. Zwei von den Jüngern haben sich enttäuscht auf den Weg nach Hause gemacht. Unterwegs treffen sie einen Fremden. Der redet mit ihnen, so, dass ihnen das Herz aufgeht. Das Leben kommt zu ihnen zurück und Freude und Leichtigkeit. Und sie wollen den Fremden gar nicht gehen lassen. Bis sie merken: es ist Jesus, der Lebende!

Die anderen Jünger haben sich eingeschlossen, alles dicht gemacht, voller Angst, dass sie die nächsten sein werden, die man ans Kreuz hängt. Und auf einmal ist er bei ihnen und holt sie heraus aus ihrer Selbstisolation: Jesus, der Lebende. Und die Freude kommt zurück und das Leben und sie werden mutig.

Miteinander – die Jünger, die Frauen – merken sie, wie das Leben strömt. Dasselbe Leben, das damals alle, die sich um Jesus gesammelt haben, so lebendig gemacht hat. Es strömt weiter. Und macht lebendig.

Und sie sammeln sich wieder. Die Grenze, die Jesus gezogen hat, steht: „Lass die Toten ihre Toten begraben! Du aber komm!“ Hier ist er, auf dieser Seite, auf der Seite des Lebens. Und hier sammeln sich alle, die sich dem Leben öffnen.

Sie werden mutig. Sie nehmen von dem Überfluss, den der Lebende austeilt. Sie warten nicht, bis sie etwas dürfen, bis ihnen die lebenden Toten vielleicht wieder etwas erlauben. Vergesst die Toten. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Die Toten haben ihre Macht verloren. Denn von Jesus perlt das Sterben ab, wie Wasser.

Und nicht nur von ihm. „Wer an mich glaubt“, sagt Jesus, „wird leben, auch wenn er stirbt!“ Wer sich bei mir sammelt, auf den geht das Leben über. Das Leben, von dem das Sterben einfach abperlt.