Versammelt zu den Vätern

Wenn jemand aus der Familie stirbt, ist das immer ein Einschnitt. Manchmal merkt man es nicht sofort. Doch wenn die Wochen vergehen, teilt sich das eigene Leben in ein Vorher und Nachher: Das Leben vorher in Verbundenheit und Austausch mit dem Partner – und jetzt allein.
Das Leben vorher, in dem die Mutter, der Vater immer einfach selbstverständlich da waren, nur einen Anruf oder einen Besuch weit entfernt. Und jetzt irgendwie allein. Dieses Gefühl, ohne Schutz vorne in der ersten Reihe zu stehen, irgendwie dem Leben, der Zukunft mehr ausgesetzt, weil der Windschatten fehlt, den die Eltern geboten haben.

Das Leben nachher ist auf jeden Fall anders. Weil jeder von uns in ein Geflecht aus Beziehungen hineingewachsen ist. Diese Beziehungen sind ein Teil von uns. Deshalb fühlt es sich an wie eine Wunde, wenn jemand aus diesem Geflecht herausbricht.

Doch wie ist das? Zerbricht das Beziehungsgeflecht wirklich, wenn jemand stirbt? In der Bibel, im Alten Testament lesen wir am Ende des Lebens der alten Väter Israels – bei Abraham, Isaak, Jakob – immer: Und er wurde versammelt zu seinen Vätern (zB 1. Mose 25,8).
„Versammelt zu den Vätern.“ Das hat für mich etwas ganz tief Tröstliches.
Ich denke, manche können das gut nachfühlen. Ich höre es immer wieder bei Trauergesprächen: „Wenn etwas war, ich konnte mit allem zu meinem Vater kommen. Oder zur Mutter.“

„Versammelt zu den Vätern“ – dieses biblische Bild für das Sterben: Die Väter und natürlich auch die Mütter, die Geschwister, die schon gestorben sind, vielleicht eine Schwester, die gestorben ist, bevor ich geboren bin – die erwarten mich, wenn ich ankomme.
Sie kommen mir entgegen. Ich spüre, wir gehören zusammen. Und ich merke, sie haben mich die ganze Zeit schon liebevoll im Blick gehabt. Obwohl ich vielleicht nicht an sie gedacht habe, jedenfalls nicht so. Nicht als Lebendige.

Denn das ist ja das überraschende: der letzte Eindruck, den wir von unseren verstorbenen Angehörigen haben – leblose, kalt, vielleicht nur noch eine Urne – dieser Eindruck ist falsch.

„Er wurde versammelt zu seinen Vätern“ – darin steckt ein Miteinander, Reden, Lachen. Hinter dem Sterben ist Leben! Das Netz der Beziehungen trägt weiter, von hier nach dort.
Wer dort ankommt in der Runde der Väter, Mütter, wer empfangen wird vom Ehepartner, von Kindern, Geschwistern, wird Vertrautes spüren. Doch bestimmt auch staunen. Denn manches hat sich verändert.
Hier in dieser Welt, ist ja nicht alles gut. Auch das höre ich immer wieder bei Trauergesprächen, manchmal nur zwischen den Zeilen, manchmal ausgesprochen: „Wie schade, dass nicht mehr möglich gewesen ist. Wie schade, dass die Grenzen so eng waren. Dass er einfach nicht über seinen Schatten springen konnte.“

Doch dabei bleibt es nicht. Man könnte denken: im besten Fall friert der Tod das ein, was in dieser Welt gewesen ist. Konserviert es in Ewigkeit. Doch wer so denkt, kennt Gott schlecht. Einfrieren, konservieren ist nicht Gottes Ding. Gottes Ding ist das Leben. Und Leben ist immer lebendig. Da geschieht etwas, da verändert sich etwas, ständig, immer weiter.

Durch das Sterben fallen vor allem die Grenzen weg, unter denen wir hier oft so leiden. Der enge Blickwinkel, die Angst, zu kurz zu kommen. Der Zwang, sich immer rechtfertigen zu müssen.
Auf der anderen Seite muss sich niemand mehr rechtfertigen. Weil im Licht der Liebe Gottes alles klar wird. Da kann jeder zu seinen Fehlern stehen, auch zum ganz Schlimmen, was er getan hat. Weil jeder erlebt: die Liebe Gottes verwandelt das alles. Verwandelt mich. Und Gott hat auch aus dem Schlimmen, was ich getan habe, gutes gemacht.
Deshalb: wer sein Leben lang vergeblich um die Anerkennung des Vaters gekämpft hat, wird dort wahrscheinlich einen liebevollen Vater wiedersehen.


Woher weiß ich das?
Weil es Menschen gibt, die schon in diese Welt auf der anderen Seite hineingeschaut haben und wieder zurückgekommen sind. Jede Religion hat ihren Ursprung bei solchen Menschen, solchen Erlebnissen. Die Bibel ist voll davon.

Am deutlichsten wird das beim Apostel Paulus. Er war ja nicht immer ein Apostel, ein Bote von Jesus. Ganz im Gegenteil: er hat Christen gejagt. Paulus war überzeugt, die Christen sind gefährlich: „Die behaupten, es sei einer von den Toten auferstanden! Das verunsichert das Volk!“ Paulus war überzeugt: die Christen müssen beseitigt werden, weil der Glaube an die Auferstehung die Stabilität des Staates gefährdet.

Doch als er sich für seine Jagd nach den Christen gerade ein neues Ziel gesucht hat, da hat plötzlich Jesus Christus herausgeholt.
Paulus hat später geschrieben: „Ob ich in meinem Körper gewesen bin – ich weiß es nicht. Ob ich außerhalb meines Körpers gewesen bin – ich weiß es nicht; Gott weiß es, da wurde ich entrückt bis in den dritten Himmel.“ (2. Kor 12, 2) Und dort hat Jesus mit Paulus gesprochen. „Warum jagst Du mich?“ Aber keine Donnerstimme. Kein Blitz, keine Strafe. Sondern Licht und Liebe. „Paulus, du wirst mein Bote sein!“

Und alles, was Paulus dann mit dem Rest seines Lebens angefangen hat, was er geschrieben hat, was uns in der Bibel erhalten ist, bei all dem hat er versucht, dieses unglaubliche Erlebnis zu entfalten. Er hat versucht, den Menschen die so komplett andere Wirklichkeit vermitteln, in die ihn Christus für einen Augenblich hineingeholt hat.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder seinen Lohn empfange, für das, was er im Leib getan hat, es sei gut oder böse“ (2. Kor 5, 10).
Lohn, nicht Strafe. Steht das wirklich so in der Bibel? Ja! So hat es Paulus erlebt.

Das Erleben, das steht am Anfang. Und ja nicht nur bei Paulus. Jesus hat bei seiner Taufe so ein Erlebnis gehabt: „Du bist mein geliebter Sohn!“ Alle Propheten haben Gott so unmittelbar erlebt. Der Apostel Johannes: „Gott ist Liebe!“, hat er geschrieben. Er hat es gesehen. In den Psalmen steht solches Erleben im Hintergrund: „Licht ist dein Kleid, das du anhast“ (Ps 104). Und auch das alttestamentliche Bild für das Sterben: „er wurde versammelt zu seinen Vätern.“

Ja und solche Erlebnisse haben nicht aufgehört, als die Bibel fertiggeschrieben war. Vielleicht sind sie inzwischen sogar häufiger als früher.
Es ist nur so schwer, davon zu erzählen. Weil sich unsere Sprache, unser Denken entwickelt hat aus der Beschränktheit des Lebens vor dem Sterben. In dieses beschränkte Denken lässt sich diese grenzenlose Liebe, dieses entgrenzte Leben eigentlich nicht hineinpacken. Paulus schreibt deshalb auch: „Ich hörte unaussprechliche Worte“ (2. Kor 12,4).

Aber doch! Es gibt manches, was sich schon jetzt klar sagen lässt.
Paulus nimmt dazu Bilder aus der Natur, Bilder von da, wo wir schon jetzt ja ganz direkt mit Gottes Leben zu tun haben.

„Stellt euch ein Getreidekorn vor, sagt er. Das säht ihr in die Erde. Ein paar Wochen später stoßen grüne Blätter durch den Ackerboden. Das Korn findet ihr nicht mehr. Höchstens noch die leere Hülle. Das Korn ist gestorben. Aber die grünen Blätter, die wachsen!
Wenn ihr zum ersten Mal ein Getreidekorn gesehen hättet – all eure Phantasie hätte nicht gereicht, euch vorzustellen, was daraus wird. Das braune harte Korn ist etwas so vollkommen anderes als die grünen Blätter. Und doch: Die Blätter sind das Korn. Das Korn hat sich in die grünen Blätter verwandelt. Gott hat es verwandelt. Das ist Sterben!“

Indem Paulus uns an das Lebendige erinnert, das wir kennen, versucht er uns zu vermitteln, was er selbst viel direkter gesehen hat. Dort drüber ist es anders – unvorstellbar, unaussprechlich. Aber zwischen hier und dort gibt es eine Verbindung. Was wir hier sind, was wir in diesem Leben geworden sind, nehmen wir mit. Doch das wird nicht konserviert. Sondern wächst, entwickelt sich, reift.

Auch dieses andere Bild vom Sterben „Er wurde versammelt zu seinen Vätern“ ist ja ein Bild aus dem Leben, das wir kennen. Die Familie, die beieinandersitzt, die zusammenhält, miteinander feiert, wo alle ihren Platz haben und ihren Raum bekommen.

Ein bisschen etwas davon haben wir schon erfahren, wenn wir Glück haben. Das meiste kennen wir nur aus unserer Sehnsucht. Dort, auf der anderen Seite fallen die Grenzen und Beschränktheiten. Denn das Licht Gottes wirft keine Schatten, die uns am drüberspringen hindern.
Deshalb: was wir jetzt als Wunde spüren, wo jetzt der Ehepartner fehlt oder die Mutter, das wird heilen. Zwischen vorher und jetzt ist kein wirklicher Bruch. Auch wenn es sich gerade so anfühlt.
Doch alle die Menschen, die schon hinübergeschaut haben in das Licht der Liebe Gottes, haben mit zurückgebracht: unsere Beziehungen heilen. Es wird gut. Alles wird gut!
Sogar das, was uns jetzt weh tut. Auch das ist gut, weil es gut wird.