Wer sein Leben retten will, muss es riskieren!

Auch zur Zeit von Jesus gab es schon ansteckende Krankheiten. Lepra hat man am meisten gefürchtet. Man hat die Krankheit auch Aussatz genannt. Weil man die Betroffenen ausgesetzt hat: sie mussten ihre Familien verlassen, mussten raus aus dem Dorf. Wenn sie Glück hatten, gab es in der Nähe eine Höhle. Da haben sie dann gehaust. Vielleicht haben ihnen die Angehörigen etwas zu essen gebracht.

Und so haben die Aussätzigen vor sich hinvegetiert, bis sie irgendwann gestorben sind. Vielleicht sind sie nicht einmal an der Krankheit gestorben, sondern an der Verzweiflung. Denn wenn man weiß: „Ich darf nie wieder zurück, zu meiner Frau, zu meinen Kindern, zu meiner Arbeit“ – wofür soll man da noch leben?

Ja und so ein Aussätziger ist einmal zu Jesus gekommen. Das ging eigentlich nicht. Den Aussätzigen war jeder Kontakt mit Gesunden streng verboten. Aber Jesus war mit seinen Jüngern draußen zwischen den Dörfern unterwegs. Und plötzlich stand der Aussätzige da – zerlumpte Kleider, Stofffetzen um die blutigen Hände gebunden und ums Gesicht –  und ist auf die Gruppe zugegangen. Er hat wohl von Jesus gehört, dass Jesus schon Menschen geheilt hat, und hat gedacht: das ist meine letzte Chance.

Die Jünger haben bestimmt zu schreien angefangen: „Hau ab, fort, du darfst hier nicht sein!“ und sind zurückgewichen. Doch der Aussätzige ist stur weiter gegangen, auf Jesus zu. Dann hat er sich vor Jesus auf die Knie geworfen und hat gesagt: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“

Bestimmt waren die Jünger vollkommen panisch: „Jesus, um Gottes Willen, komm her! Du steckst dich an!“ Doch Jesus ist ruhig stehen geblieben. Und dann: Jesus streckte seine Hand aus, berührte ihn und sprach: „Ich wills tun. Sei rein!“ Er hat seine Hand wohl dem Knienden auf den schrundigen, blutigen Kopf gelegt. Hat ihn berührt. Den Ansteckenden.  

Das ist wirklich merkwürdig. Denn es war absolut verboten, einen Aussätzigen zu berühren. Eben weil man sich anstecken konnte.

Und das seltsamste ist: Jesus hat ja öfter Kranke geheilt. Aber kaum je hat er die Kranken berührt. Oft hat er nur gesagt: Steh auf und geh! Aber diesen Aussätzigen hat er berührt. Und er ist gesund geworden.

Jetzt können wir natürlich denken, Jesus war der Sohn Gottes. Er war doch bestimmt immun gegen Krankheiten. Doch Jesus war nicht immun. Das merken wir spätestens am Kreuz. Da ist er gestorben wie jeder andere, der an ein Kreuz genagelt wird: gar nicht immun.

Also, warum hat Jesus den ansteckend Kranken berührt? Vielleicht weil es gerade in diesem Fall notwendig war. Vielleicht war das Schlimme für diesen Mann das Ausgesetzt- sein. Dass er gewusst hat: ich darf nie wieder zurück – die totale Isolation.

Vielleicht ist der Mann durch die Berührung gesund geworden. Weil er – leibhaftig – gespürt hat: Jesus ekelt sich nicht vor mir, wie alle anderen. Jesus hat keine Angst vor mir. Und wenn sich jemand so vollkommen akzeptiert fühlt, kann wirklich etwas heil werden.

Trotzdem, was Jesus getan hat, war ja riskant – für ihn selbst und für seine Jünger. Und es war verboten. Warum hat er es getan?

Vielleicht, weil Jesus das Leben so gut gekannt hat. Er hat ein paarmal einen markanten Satz gesagt: Wer sein Leben retten will, der wird’s verlieren. Und wer sein Leben verliert, wird es retten (Mk 8, 35).

Das hat er einfach festgestellt: so ist es. Immer. Wer sein Leben retten will, der wird’s verlieren. Stimmt das? 

Ich denke, wir erleben es gerade. Wir versuchen uns vor Ansteckung zu schützen, indem wir zu Hause bleiben. Draußen halten wir Abstand, sind höchstens zu zweit unterwegs. Die Enkel dürfen die Oma nicht besuchen.

Doch das Leben, das wir hinter diesem Schutzwall führen, ist nur ein kastriertes Leben. Je länger die Isolation dauert, um so mehr legt sich bei manchen über alles ein grauer Schleier – Depression. Bei anderen steigt der Druck, Aggressionen brechen aus.

Und die Angst ist ja immer noch da, auch hinter der verschlossenen Wohnungstür – die Angst vor Ansteckung. Oder die Angst vor Arbeitslosigkeit. Die wird nicht weniger. Kastriertes Leben.

Jesus wollte kein kastriertes Leben. „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben in Fülle habt!“, hat er gesagt. Und zu dem Leben in Fülle gehört für Jesus anscheinend, dass man etwas riskiert. Deshalb hat der den Ansteckenden berührt. Und weil er etwas riskiert hat, ist dann tatsächlich etwas passiert: der Kranke ist gesund geworden!

Während, wenn man Abstand hält, vielleicht wird dann niemand angesteckt, aber es wird auch niemand gesund. Im Riskieren hat Jesus wohl eine riesige Chance gesehen.

Wichtig finde ich jetzt allerdings noch, dass wir sehen: Jesus war überhaupt nicht kamikazemäßig drauf, also dass er sich und andere mutwillig in Gefahr gebracht hätte.

Bei Wikipedia kann man lesen: übertragen wird Lepra ausschließlich durch Tröpfcheninfektion. Ansteckungen sind ziemlich selten. Bei dem Mann, der da vor ihm gekniet hat und dem er die Hand auf den schrundigen Kopf gelegt hat, konnte sich Jesus also gar nicht anstecken.

Woher hat Jesus das gewusst? Weil der der Sohn Gottes war? Vielleicht aber auch nur, weil er genau hingeschaut hat. Auch wenn viele Leute panische Angst vor der Ansteckung mit Lepra hatten – es gab ja nur verschwindend wenig Aussätzige! So groß konnte die Gefahr also gar nicht sein.

Und so, denke ich, ist es gut, wenn wir auch heute bei Corona genau hinschauen. Seit zwei Wochen werden Horrorszenarien beschworen von Schwerkranken die die Intensivstationen überfluten. Doch bis heute sind die Coronastationen in Deutschland nur ganz spärlich belegt, mit verschwindend wenigen Intensivpatienten. Im lokalen Kreiskrankenhaus herrscht gespenstische Leere.

Aber kann man sicher sein, dass die große Welle nicht doch noch kommt? Natürlich nicht.

Hätte Jesus auf Nummer sicher gehen wollen, dann hätte er den Aussätzigen fortjagen müssen. Dann wäre er unmenschlich gewesen. Dann hätte er sich genauso verhalten wie jeder andere. Und wäre genauso vergessen worden wie jeder andere.

Dass wir uns heute noch an Jesus orientieren, dass wir uns nach ihm nennen – Christen – das hat nur den einen Grund: Jesus war anders. Jesus hat nach dem Prinzip gelebt: Wer sein Leben retten will, der wird’s verlieren. Und wer sein Leben verliert, wird es retten. Deshalb hat er den Aussätzigen nicht in seine Isolation zurückgeschickt, sondern hat etwas riskiert. Und dann ist etwas passiert. 

Wir sind Kirche Jesu Christi. Und ich glaube, wir müssen uns ganz neu überlegen: was heißt es, dass wir uns auf ihn berufen?

Diese Frage stellt sich für mich in dieser Corona- Krise ganz neu.  Lassen wir uns von Jesus noch etwas sagen in unserer Kirche – auch wenn die Welt jetzt von Virologen gedeutet wird? Ich bin gespannt, ob es da unter uns Christen in den nächsten Wochen einmal eine ernsthafte Diskussion gibt.    Ich bin gespannt.

Hier als Video.