Ein neues Lebensgefühl

Als wir letztes Jahr mit dem Konfirmandenunterricht begonnen haben, haben wir noch in einer anderen Welt gelebt: Alles normal. Alles gut. Wie immer. Eure Welt war Schule, Zocken, Netflix-Schauen, WhatsApp, Insta. Wozu dann Gott und Bibel und all das Zeug, um das es im Konfiunterricht geht?

Aber dann war auf einmal keine Schule mehr und alles anders. Sogar Netflix hat irgendwann angeödet. Und bis heute ist es nicht normal.

Niemand weiß heute, was nächste Woche sein wird. Oder in einem halben Jahr. Das ist ein ganz neues Lebensgefühl. Für Euch – und für mich auch.

Doch für viele Menschen auf der Welt war das Leben auch schon vorher überhaupt nicht sicher. Wahrscheinlich für die Mehrheit der Menschen – zu allen Zeiten.

Ich unterhalte mich ja viel mit Leuten in der Gemeinde. Kürzlich hat mir ein Mann von seiner Familie erzählt. Sie hat vor 100 Jahren in Russland gelebt. In den 30-er Jahren, unter Stalin, wollte man dort die Deutschen weghaben. Nachts sind Trupps der kommunistischen Partei in die Dörfer gekommen, haben die Türen der Häuser eingeschlagen, die Männer mitgenommen und sie erschossen.

„Zu der Zeit“, hat der Mann erzählt, „ist mein Vater geboren. Er war der jüngste von fünf Brüdern. Als er geboren war, hat seine Mutter Fiber bekommen.“ Es gab keinen Arzt und kein Krankenhaus. Die Mutter wird sterben, war allen klar. Der Mann hat am Bett seiner Frau gesessen. ‚Wer wird für unsere Kinder sorgen, wenn ich sterbe und wenn du abgeholt wirst?‘ ‚Gott wird für sie sorgen‘, hat ihr Mann gesagt.

Sie ist gestorben und ihr Mann ist kurz darauf erschossen worden. Aber die Kinder haben überlebt, sind erwachsen geworden und haben selbst Kinder bekommen.

Der Mann, der mir diese schlimme Familiengeschichte erzählt hat, ist ein eindrucksvoller Mensch. Auch ein ungewöhnlicher. Er lebt mit großer Selbstverständlichkeit mit Gott.

Das merkt man nicht, wenn man ihm zum ersten Mal begegnet. Aber wenn man ihn besser kennt. Für ihn steckt Gott in allem drin.

Er weiß: Gott hat damals für die fünf Kinder gesorgt – für seinen Vater und dessen Brüder. Verwandte haben sie aufgenommen. Miteinander wurden sie nach Kasachstan deportiert.  Doch in all dem sind sie nicht verzweifelt und wurden nicht verbittert. Sondern aus den Waisenkindern sind aufrechte und liebevolle Menschen geworden, die mit den Herausforderungen des Lebens zurechtgekommen sind.

Und ich glaube, das hat mit dem Vertrauen zu Gott zu tun. Denn wenn der äußere Halt zerbricht – so, wie es ganz extrem in dieser Familie passiert ist – dann gibt es einen inneren Halt von Gott her und von Jesus her.

Eine Konfirmandin hat es uns vorher gesagt: „An Jesus Christus sehe ich auch, dass ein gutes Leben nicht immer glatt geht.“ Ja, die Mächtigen haben Jesus  getötet, so wie sie den Vater der fünf Kinder getötet haben. 

„Doch“, hat die Konfirmandin weiter gesprochen, „an Jesus Christus sehe ich auch, dass das Leben nach dem Sterben weitergeht. Gott hat Jesus ins ewige Leben auferweckt. Und dahin werden wir ihm folgen: ‚Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt‘.“

So was sind nicht nur fromme Sätze für den Konfirmationsgottesdienst. Sondern dieser Glaube ist es, der inneren Halt gibt, auch wenn es ganz schlimm kommt. Das Vertrauen zu Jesus, zu Gott, das kann Euch wirklich tragen.

Mir tut es immer wieder gut, wenn bei Besuchen Leute aus der Gemeinde ihre Lebensgeschichte oder ihre Familiengeschichte mit mir teilen. Und ich sehe, wie auch im Schlimmen so eine Art Inseln entstehen können.

Wenn das Vertraute zerbricht und alles ins Rutschen kommt – wie dann mitten im Chaos ein Raum entsteht, wo ein ganz neues Vertrauen wächst – Vertrauen in den Gott, der mitgeht, wohin es mich auch verschlägt und der mich nach Hause bringen wird.

Gott schafft im Chaos einen Raum, wo wir Frieden und Geborgenheit erleben. Und er macht es möglich, dass das Leben weitergeht – ein Leben in Liebe, auch wenn der Hass zugeschlagen hat.

Vielleicht hat es hier in Deutschland jetzt viele Jahre lang so ausgesehen, als ob man auf Gott auch ganz gut verzichten könnte. Bei dem was jetzt anders geworden ist, bin ich froh, dass er die ganze Zeit auf uns gewartet hat.