Karfreitag und Ostern

Karfreitag

In vielen Kirchen hängt zentral der gekreuzigte Christus. Für regelmäßige Kirchgänger ist das Bild vertraut. Doch ich habe immer wieder erlebt, wie Kinder, die zum ersten Mal bewusst eine Kirche wahrnehmen, von diesem Anblick irritiert sind. Und sie haben ja recht: ein fast nackter Mann, an das Kreuz genagelt, oft mit geschlossenen Augen – tot. Warum tun wir uns das an? Natürlich, es ist Jesus. Und er wurde gekreuzigt. Aber er hat ja auch ein Leben vor dem Tod gehabt. Er hat geheilt, getröstet, Stürme zum Schweigen gebracht. Warum gibt es so wenig Bilder, die ihn lebendig und vital zeigen?

Ich empfinde das tatsächlich als Problem. Kann es sein, dass Christen, nachdem sie nun Jahrhundertelang den gestorbenen Jesus angeschaut haben, sich einfach nicht mehr vorstellen können, dass von ihm noch irgendeine Vitalität oder gar Macht ausgeht?

Doch in den vergangenen Corona- Wochen habe ich den gekreuzigten Jesus auf einmal wieder neu gesehen. Vielleicht ist es doch gut, dass er in so vielen Kirchen hängt.

In den letzten Wochen ist ja etwas merkwürdiges passiert: Die Angst vor dem Sterben hat das Leben abgewürgt. Aus Angst, dass die Corona- Epidemie Todesopfer fordern könnte, verzichten die Menschen auf fast alles, was sonst ihr Leben lebenswert macht. Um jeden Preis soll die Ausbreitung des Virus verhindert und das Leben der Schwachen geschützt werden.

Doch da hängt nun in der Kirche der gekreuzigte Jesus. Ausgeliefert, nackt, gequält. Er hat sein Leben nicht geschützt. Er ist gestorben – ganz bewusst.

Seinen Jüngern hat er es immer wieder gesagt: „Wir gehen nach Jerusalem. Dort werden sie mich verspotten, misshandeln, anspucken, auspeitschen und töten.“

„Nein!“, haben die Jünger gerufen. Aber Jesus ist trotzdem gegangen.

Warum? Seltsamerweise hat Jesus das seinen Jüngern nie wirklich klar gesagt. Nur: „Es muss so sein!“ Vielleicht lässt sich die Frage „Warum?“ auch gar nicht so glatt beantworten. Es muss so sein – weil das Leben so ist. Weil zum Leben das Sterben dazugehört, manchmal auch ein schlimmes Sterben. Das ist einfach so.

So hat es Jesus wohl gesehen. Aber wie kann man leben, wenn man immer ans Sterben denkt?

Oh, Jesus hat bestimmt nicht immer ans Sterben gedacht. Er hat unglaublich gern gefeiert. Und dabei hat er es wohl auch richtig krachen lassen. So dass die, die ihn nicht so leiden konnten, gesagt haben: „Er ist ein Fresser und Weinsäufer!“  Das war natürlich nicht nett und bestimmt übertrieben. Aber es war schon was dran: Jesus konnte feiern. Und dann war er bereit zum Sterben, als es sich nicht mehr hat vermeiden lassen.

Leben aus dem Vollen und Sterben war für ihn kein Widerspruch, sondern hat zusammengehört. „Wer sein Leben erhalten will, wird’s verlieren; und wer es verlieren wird, der wird es gewinnen“ , hat Jesus gesagt (Lukas 17, 33).

Und ich denke, den ersten Teil erleben wir gerade: Im Versuch, leben zu schützen, würgen wir das Leben ab. Wir sind sicher in unserer Wohnung. Aber die Langeweile lähmt und macht trübsinnig. Alles natürlich in der Hoffnung, dass es bald wieder normal ist. Aber wir ahnen schon, dass es nie mehr so sein wird, wie vor Corona.

Die Frage ist nur, was dann anders wird. Wird die Angst vor einem tödlichen Virus permanent präsent bleiben und damit die Bereitschaft, sich jederzeit wieder einsperren zu lassen?

Oder wird mehr Menschen als bisher klar, dass wir das Leben, das wir schützen wollen, durch die Schutzmaßnahmen erst recht verlieren? Vielleicht werden wir dann einige mutig, riskieren etwas. Wie Jesus gesagt hat: Wo wir etwas riskieren, können wir intensives, echtes Leben gewinnen.

Ich habe den gestorbenen Jesus in unserer Kirche oft angeschaut in den letzten Wochen. Er erinnert mich daran, dass es einfach so sein muss: Sterben ist normal. Ja, ich liebe mein Leben. Aber ich zahle nicht jeden Preis, um dieses Leben zu schützen.  Gerade weil ich mein Leben liebe.

Ostern

Hätte es damals, beim allerersten Ostern, schon die Corona- Verordnung gegeben, wüssten wir gar nicht, dass Jesus auferstanden ist.

Zwei Jünger waren unterwegs zu ihrem Heimatort Emmaus und haben deprimiert gegrübelt, was jetzt werden soll, nachdem Jesus zwei Tage vorher gestorben ist. Da hat sich ihnen ein dritter angeschlossen. „Wir dürfen nur zu zweit unterwegs sein. Drei sind verboten“, hätten sie sagen müssen. „Gut“, hätte der dritte wahrscheinlich geantwortet, „ich will euch ja nicht in Schwierigkeiten bringen.“ Und wäre gegangen. Der Dritte war Jesus.  Und die zwei hätten nie erfahren, dass Jesus auferstanden ist.

Maria von Magdala war allein, auf den Friedhof am Ostermorgen, als sie den auferstandenen Jesus gesehen hat. „Maria!“, hat er sie angesprochen. Und sie: „Mein Meister!“ Sie ist sofort zu den anderen Jüngern gerannt: „Der Herr ist auferstanden!“ Aber die haben ihr bloß den Vogel gezeigt. Und wahrscheinlich hätte sie es bald selbst nicht mehr geglaubt. Weil sich die anderen alle einig waren: „Maria spinnt. Es ist noch keiner zurückgekommen. Das weiß doch jeder.“

Wie heute auch. Der Druck derer, die mit wissenschaftlicher Autorität erklären, wie die Welt funktioniert, ist übermächtig.

Doch dann ist der auferstandene Jesus mitten in der Jüngergruppe aufgetaucht. Und da war es anders. Da konnten sie einander fragen: „Hast du es auch gesehen? War er das wirklich?“ „Ja, ich habe ihn gesehen. Ich begreif es nicht. Und du hast ihn tatsächlich auch gesehen?“

Einer allein hat keine Chance gegen die vielen, die sagen: mit dem Tod ist es aus!  Nur wenn mehrere ihre Erlebnisse teilen, bekommt der Glaube an die Auferstehung Raum. Und in diesem Raum der Gemeinde entwickelt sich eine Kraft.

Es waren nur wenige, damals. Christ sein war gefährlich. Große Versammlungen gingen nicht. Doch in den kleinen Gemeinschaften war die Kraft. Sie wussten miteinander: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt!“

Miteinander haben sie sich erinnert, was Jesus getan hat und gesagt hat. Und im Erzählen haben sie auch verstanden, wie Jesus früher so frei und furchtlos sein konnte – zugleich feiern und wissen, dass er bald sterben muss.

Früher haben sie den letzten Teil überhört, weil sie nichts damit anfangen konnten: „Sie werden mich verspotten, misshandeln, anspucken, auspeitschen und töten. Und dann werde ich auferstehen!“ Jetzt ist ihnen klar geworden: am letzten Teil, am Auferstehen, hängt alles. Das ganze Leben. Das Leben von Jesus und mein eigenes Leben.

Und da sind sie selbst frei und furchtlos geworden. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, hat Petrus den obersten Behördenvertretern ins Gesicht gesagt. Gerade ein Vierteljahr, nachdem er bei der Verhaftung von Jesus behauptet hat: „Ich gehöre nicht dazu! Ich habe diesen Mann noch nie gesehen.“

Ostern ist die Geschichte, wie eine kleine Gemeinschaft die Angst vor dem Sterben verloren hat. Eine alte Geschichte.

Aber für mich ist sie jetzt wieder ganz aktuell geworden. Denn die Angst vor dem Sterben ist mit einer Wucht zurückgekommen, wie ich das nicht für möglich gehalten hätte. Sie schneidet vom Leben ab, legt die Wirtschaft lahm, zerstört Existenzen. Nur die Angst. Eine gewaltige Macht. Eine selbstzerstörerische Macht.

Doch die alte Geschichte hält stand. Weil sie eine uralte Geschichte ist, eine ewige Geschichte: das Leben selbst.
Was die Bibel „ewiges Leben“ nennt, ist nicht eine besondere Zugabe für besonders Fromme. Ewiges Leben ist das Leben selbst –  unzerstörbar. „Der Tod ist eine große Lüge“, hat jemand gesagt.

Es gibt Leute unter uns, die haben die Macht des Lebens erlebt – die Macht der Auferstehung, Leute die keine Angst vor dem Sterben haben.  

Ihre Furchtlosigkeit und Freiheit ist ansteckend. In kleinen Gemeinschaften, im Reden, Erzählen, Austauschen kann sie Raum bekommen. Gerade unter dem Regime der Angst.

Der Herr ist auferstanden. Wirklich!

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3 Gedanken zu “Karfreitag und Ostern

  1. Vielleicht ist dieses Ostern auch ganz besonders? Kann es sein, dass es nötig ist, dass das alte „Leben“ mit immer schneller, immer mehr, immer besser sterben muss, damit ein neues Leben entstehen kann, das auch zukünftigen Generationen ein lebenswertes Leben ermöglicht?

    Liken

    • Ja, das alte Leben – schneller, mehr, besser – muss sterben. Nur, ob es schon so weit ist? Es könnte auch sein, dass durch Corona die Schraube noch weiter gedreht wird. Und wenn sich etwas ändert, auch nach einem eventuellen Kollaps – was dann neu wird, ist gleich schon wieder alt. Das wirklich neue, von Gott her, das steht quer zu allem, was Menschen schaffen können. Insofern ist das Neue auch jetzt schon da.

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