Mut zum Leben

Das Leben wurde von Jahr zu Jahr sicherer. Die Lebenserwartung ist kontinuierlich gestiegen. Gegen Krankheiten gab es Medikamente und Impfungen. Und gegen Krebs die flächendeckende Vorsorge. Abgesichert! Alles im Griff!

Dann ist das Corona- Virus aufgetaucht.  Mitten drin im abgesicherten Leben. Und über Nacht haben sich die sorgfältig aufgebauten Sicherheiten aufgelöst. Statt dessen hat sich Angst pandemisch ausgebreitet. Viele haben nach der starken Hand des Staates geschrien. Und haben schmerzhafte Einschränkungen des Lebens akzeptiert, als Therapie gegen das Virus: Es muss weh tun, wenn es helfen soll. In der Hoffnung, dass sich so die verlorene Sicherheit wieder herstellen lässt. 

Doch wenn Sicherheit überhaupt nur eine Illusion wäre?

Intensivmedizin

In einer beispiellosen Kraftanstrengung sind die Krankenhäuser in Deutschland auf Corona- Notversorgung, Intensivplätze und künstliche Beatmung umgestellt worden. Schnell hat sich gezeigt, dass so viele Plätze für Corona- Kranke gar nicht gebraucht werden. Aber dafür konnte wirklich jeder maximal intensivmedizinisch versorgt werden. Doch inzwischen schlagen Ärzte Alarm: Viele Corona- Patienten sterben gerade durch die Intensivbehandlung. „Sie müssen wissen: Nur 3 bis 20 Prozent der Patienten überleben eine Intensiv- Beatmung. Von diesen bleiben nicht wenige schwer beeinträchtigt“ (Palliativ- und Notfallmediziner Matthias Thöns, Heidenheimer Zeitung vom 25.04.2020).

Die naive Überzeugung, man müsste nur entschlossen Maßnahmen ergreifen, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen – also das Sterben zu verhindern – geht nicht auf.  Wie auch? Sterben gehört zum Leben. Und wirklich jeder Mensch, der heute lebt, wird einmal sterben. Durch Corona sterben die Menschen in Deutschland auch nicht früher als „normal“: der Altersschnitt der an Corona Verstorbenen liegt genau beim normalen durchschnittlichen Sterbealter.

Das Problem ist die Angst. Und die Bereitschaft, aufgrund der Angst vor dem Sterben so schwere Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Ich denke vor allem an die Einschränkungen für die zur „Risikogruppe“ erklärten Älteren. Man hat die Älteren ja nicht gefragt, ob sie isoliert werden und vereinsamen wollen. Das hat man über ihren Kopf hinweg entschieden. Besonders schlimm trifft es vor allem die Bewohner der Heime. Viele von ihnen habe eine Patientenverfügung. Sie wollen in den letzten Tagen nicht mehr intensivmedizinisch gequält werden. Sondern wollen in Würde und begleitet von den Angehörigen sterben. „Palliativmedizin kann Atemnot gut lindern“, sagt Dr. Thöns.   

Doch dieses Sterben in Würde wird denen, die im Heim positiv auf Corona getestet sind, verwehrt. Ihnen wird in den allermeisten Fällen noch intensivmedizinische Behandlung aufgezwungen. Und Sterben im Kreis der Angehörigen darf sowieso nicht mehr sein. Nur ein einziger Angehöriger bekommt unmittelbar vor dem Sterben noch Zutritt. Durch die Corona- Maßnahmen wird also nicht das Sterben an sich verhindert, sondern ein selbstbestimmtes Sterben. Das ist eine der widersinnigen Auswirkungen der Corona- Maßnahmen. Die, die angeblich geschützt werden sollen, werden ausgeliefert.

Therapie gegen die Angst

Irrationale Angst vor dem Sterben produziert solchen Widersinn. Deshalb braucht es, bevor eine Therapie gegen das Virus gefunden werden kann, eine Therapie gegen die Angst. Damit die Vernunft wieder eine Chance bekommt.

Was gegen die Angst helfen kann, ist die ganz schlichte Einsicht, dass Sterben zum Leben gehört. Dass jeder von uns sterben muss. Und dass es gut wäre, sich beizeiten ein wenig mit dem eigenen Sterben anzufreunden.

Totale Sicherheit kann es nicht geben. Wir können das Sterben nicht verhindern. Aber wir können das Wissen um unser Sterben in unser Leben einbauen. Dann passiert etwas ganz erstaunliches: Wo wir uns mit dem Sterben anfreunden, bekommen wir Mut zum Leben jetzt. Und wir trauen uns vielleicht, mit unseren Angehörigen aus der „Risikogruppe“ offen darüber zu sprechen, was sie eigentlich wollen. 

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