Neue Normalität

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel einen neuen Bund schließen … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. (Jeremia 31, 31-32)

Es ist etwas schiefgegangen im alten Israel. Ziemlich schief. In Israel stehen sich unversöhnliche Fronten gegenüber: Oben gegen unten, Regierungstreue gegen Aufständische, Bürger gegen Bürger. Der Bund mit Gott, der Israel einmal zusammengehalten hat, ist zerbrochen. Israel ist zerbrochen. Chaos! Nichts ist mehr normal.

Doch durch den Propheten Jeremia kündigt Gott etwas an: eine neue Normalität – einen neuen Bund.

Einen Bund. Das Wort ist aus unserer Sprache fast verschwunden. Heute werden Verträge geschlossen, Gesetze verabschiedet, Verordnungen erlassen. Harte Fakten, exakt formuliert, einklagbar. Daran hat man sich zu halten.

Ein Bund ist vollkommen anders. Da wird nichts aufgeschrieben und es gibt keine exakten Formulierungen. Bund kommt von Verbindung – es geht um eine Beziehung. Vielleicht der letzte Fall wo noch vom Bund geredet wird, ist der Bund der Ehe: eine Beziehung zwischen zwei Menschen. 

Aber auch die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern ist so ein Bund. Sie, liebe Familie R., erleben gerade, wie dieser Bund entsteht. Ihr Aaron ist vor ein paar Wochen geboren. Und seither braucht er Sie. Die Mutter, den Vater – Sie halten ihn im Arm. Sie geben ihm zu trinken. Sie schauen ihn an und reden mit ihm. Wenn ihn etwas erschreckt, sind Sie da und trösten ihn.

Und Aaron – er schaut Sie an, mit großen Augen. Und lächelt. Er kennt Sie, seine Mama, seinen Papa. Und vertraut ihnen: Wenn Mama und Papa da sind, ist alles gut.

Das ist ein Bund: diese Beziehung, die man ja nur schwer mit Worten beschreiben kann, wo Sie als Eltern aber so deutlich spüren, wie tief und innig Sie mit Ihrem Kind verbunden sind. 

Ich denke, wir merken ganz deutlich den Unterschied zum Vertrag, zu Gesetzen und Verordnungen.

Beim Bund zwischen Eltern und ihrem Kind gibt es keine festgelegten Rechte und Pflichten. Der Bund wird geschlossen, wenn die Eltern ihr Kind zum ersten Mal auf dem Arm halten und merken: Ohne uns wäre dieses Würmchen verloren. Im Bund gibt es auch keine harten Fakten. Eltern haben ja keine Liste, die sie abarbeiten könnten um sicher zu sein: jetzt haben wir alles richtig gemacht.

Sondern die Eltern sind mit ihrem Gespür und Einfühlungsvermögen und ihrer Liebe gefordert, herauszufinden, was ihr Kind braucht, was jetzt ihre Aufgabe als Eltern ist.

Das ist alles etwas ganz Weiches: Liebe, Gefühl, Gespür. Doch genau diese weichen Dinge sind das Entscheidende.

Und um dieses Weiche geht es auch beim Bund mit Gott: Ich schloss mit euren Vätern den alten Bund, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen.

Als in der Wüste das Wasser ausgegangen ist, hat Gott ihnen gezeigt, wo man auch zwischen Felden und Sand Wasser finden kann. Und, als sie nichts mehr zu Essen hatten, hat Gott ihnen das Manna gezeigt, süße Krusten, die man unter den Dornbüschen in der Wüste Sinai finden kann.

Das Eindrucksvollste war, als Gott seinem Volk den Fluchtweg durchs Schilfmeer freigemacht hat: ein Sturm hat das Wasser so weit zurückgedrängt, dass Israel den Ägyptern entkommen konnte.

Immer neu, immer wieder anders – immer das, was gerade notwendig war. So hat Gott die Israeliten bei der Hand genommen.

Bund bedeutet: „Ich bin genau so für dich da, so, wie du es brauchst.“ Deshalb ist im Bund nichts festgelegt. Es ist Raum für Spontanes. Weil es im Leben immer anders kommt, als man denkt. 

Warum hat Israel hat diesen Bund gebrochen? Nicht, weil sie Gott abgelehnt hätten. Eher im Gegenteil. Sie wollten den Bund verbessern. Das Spontane war ihnen zu unsicher.

Das hat schon mit Mose angefangen. Er hat sich immer wieder aufgeregt, weil seine Leute Dummheiten gemacht haben. Deshalb hat er 10 Gebote aufgeschrieben, auf Steintafeln. Da konnte er jedem sagen, der irgend einen Blödsinn gemacht hat: „Da, schau her, das sind unsere Regeln: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht missbrauchen. Du sollst den Feiertag heiligen. Du sollst Vater und Mutter ehren. Du sollst nicht töten.“

Das war noch nicht so schlimm, denn so, wie Mose formuliert hat, sind das ziemlich weiche, offenen Formulierungen.

Diese Gebote zeigen eine Richtung. „Du sollst Vater und Mutter ehren“. Aber wie das für die eigenen Eltern konkret aussieht, muss jeder selbst füllen.

Doch manchen war das bald zu weich. „Da kann ja immer noch jeder tun, was er will!“ Und so haben die Nachfolger von Mose aus den offenen Geboten klare Gesetze gemacht. Aus: „Du sollst den Feiertag heiligen“ ist geworden: Du darfst am Feiertag höchstens 1000 Schritte gehen und du darfst nichts tragen, was schwerer als 5 Kilo ist.

Doch damit hat die Spaltung der Gesellschaft angefangen: Wer seine Verwandtschaft im gleichen Dorf hatte, konnte sie an jedem Feiertag besuchen. Da haben die 1000 Schritte locker gereicht. Wer aber die Verwandtschaft im nächsten Dorf hatte, konnte sie am Feiertag nicht sehen.

Sobald es Gesetze gibt, gibt es die Nutznießer der Gesetze und die, die unter ihnen leiden.  Und es gibt die Gesetzestreuen und die gegen sie verstoßen.

Heute bei uns wird der größte Teil des Lebens durch Gesetze und Verordnungen geregelt. Doch auch heute kommt es im Leben oft anders als man denkt. Ein Gesetz kann noch so gut gemeint sein. Aber kein Gesetzgeber kann alles im Blick haben.

Das Problem merken wir gerade sehr deutlich.

Als vor zwei Monaten die Coronaverordnungen erlassen wurden, wollten die Politiker das Beste: sie wollten uns Bürger schützen. Und wir haben uns den ganzen Einschränkungen gefügt. Weil wir helfen wollten, die Risikogruppen zu schützen.

Deshalb haben die Enkel ihre Großeltern nicht mehr besucht. Deshalb haben die Töchter den alten Müttern die Einkäufe vor die geschlossene Tür gestellt und sind wieder gegangen.

Das war gut gemeint. Die Regeln, die konnte man überall hören und lesen, die konnte man sich auch gut merken. Die sollten für alle gelten.

Und viele Ältere waren ja froh, dass sie sich keiner Gefahr aussetzen mussten und im Haus bleiben konnten.

Aber schon ganz kurz, nachdem die gut gemeinten Kontaktbeschränkungen angeordnet waren, hat mir eine 85- Jährige gesagt: „Ich bin 85 und kann sowieso jeden Tag sterben. Ich will mich doch nicht in meinen letzten Monaten im Haus einsperren lassen. Ich will noch leben, bevor ich sterbe!“

Ja, die ganzen Abstandsregeln und Coronaverordnungen wollen die Schwachen schützen – alle! Aber diese 85- Jährige will gar nicht geschützt werden. Die Gesetzgeber haben sie nicht gefragt. Und es gibt ja noch viele andere, die auch unter den Regeln und Verordnungen leiden. Wie oft habe ich schon gehört: Ich kann keine Maske aufsetzen, da bekomme ich Panik!

Aber das Gesetz gilt für alle. Und jetzt passiert etwas, was die Gesetzgeber bestimmt nicht gewollt haben: Es ziehen sich tiefe Gräben durch unser Land. Auf der einen Seite die Befürworter der Maßnahmen, auf der anderen Seite die Gegner. Auf der einen Seite, die geschützt werden wollen und die Distanz und Isolation ertragen, die fühlen sich wohl.

Auf der anderen Seite die es nicht ertragen, viele Wochen lang keine menschliche Nähe zu spüren. Dazwischen die Gräben.

Ich kann nicht einschätzen, wie die Mehrheitsverhältnisse sind. Aber die Gräben trennen inzwischen schon ehemalige Freunde und ziehen sich durch Familien. Die Absicht war gut – Leben schützen. Die Folge ist eine Spaltung im Land.

Wie damals im alten Israel. Weil sie den Bund gebrochen haben. Weil sie das Unvorhersehbare nicht ausgehalten haben. Weil sie immer mehr regeln wollten. 

Und da hat nun Gott durch den Propheten gesprochen: Ich will einen neuen Bund mit ihnen schließen: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.

Also: Das Gesetz nicht mehr in Stein gemeißelt, nicht außen, dass man es ablesen und den anderen vorhalten kann: „Du, du verstößt gegen das Gesetz!“ Sondern im Herz und Sinn. Einerseits verinnerlicht. Aber nicht auswendiggelernt. Sondern im Herzen.

Denn es geht ja um einen neuen Bund! Nicht um ein neues, besseres Gesetz. Sondern um den Bund, der eine Verbindung zu einem Menschen bedeutet, eine Beziehung.

Das ist das neue, dass Gott uns einen Menschen ans Herz legt. Nicht die alle Menschen. Nicht Risikogruppen. Das sind nur abstrakte, leere Begriffe. Die Beziehung zu einem Menschen ist immer etwas einmaliges. Wie die Beziehung, die bei Ihnen, liebes Ehepaar R., jetzt zu Ihrem Aaron entsteht. Aaron gibt es nur einmal.

Doch so eine Beziehung ist ja nicht exklusiv. Wenn Sie noch mehr Kinder bekommen, dann werden Sie zu denen auch eine Beziehung haben. Und sie werden merken: jedes Kind ist anders. Jeder braucht etwas anderes. Alle gleich behandeln wäre gar nicht gut. Und Sie werden in Ihrem herzen und in Ihrem Gefühl – das meint Sinn – merken, was jetzt dran ist für jedes Kind.

Das ist der neue Bund, den Gott mit uns schließt: er gibt uns ein Herz für einander und Gespür. Darauf können wir achten: auf unser Herz, unser Gefühl, unsere Intuition. Was da in uns ist, ist das Beste, was wir haben. Das hat Gott in uns hineingelegt.

Durch unser Herz, unser Gespür, unsere Intuition werden wir flexibel, können wir uns anpassen an jede Situation, an jeden besonderen Menschen. Damit das Leben miteinander menschlich wird. Damit jeder bekommt, was er braucht.

Der eine, der sich das wünscht, kann dann Schutz und Sicherheit bekommen. Und der andere, für den das wichtig ist, darf sich mit seinen Freunden treffen.

Wird das unsere neue Normalität? Ich weiß nicht.

Wo der neue Bund die neue Normalität sein soll, braucht es Menschen, die sich wirklich auf Gott hin orientieren. Und davon gibt es gerade nicht wirklich viele, fürchte ich.

Trotzdem ist das, was Gott durch den Propheten sagt, für uns wichtig. Weil es uns jetzt klar macht, was Zukunft hat. Nämlich nicht die Verordnungen und Gesetze.

Zukunft hat das andere. Das Weiche, was so wenig fassbar ist: Wo wir tun, was jetzt gerade für diesen einen Menschen notwendig ist. Wo wir barmherzig sind und uns um der Barmherzigkeit willen auch über Verbote hinwegsetzen.

Zukunft hat, wenn ich genau das tue, wo gerade ich gefordert bin, wo mich niemand vertreten kann.

Für Sie, liebe Tauffamilie, ist das, was Zukunft hat, die Beziehung zu Ihrem Adrian. Für jemand anders kann es die Beziehung zur Mutter sein. Oder zum Enkel, oder zu einer Bekannten, die einsam ist. Oder zum Ehepartner.

Es gibt nichts besseres, als dass wir uns auf Gottes Zukunft ausrichten.  

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