Dem Fleisch nichts schuldig!

Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

So sind wir nun, liebe Brüder und Schwestern, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. (Römer 8, 11- 18)

Der Geist von Jesus Christus wohnt in uns! Und dieser Geist wird unsere sterblichen Leiber lebendig machen. Deshalb ist Sterben nicht schlimm. Das ist der innere Kern der christlichen Botschaft.

Die frühen Christen haben das geglaubt und gelebt. Sie haben ihre Angst überwunden, waren mutig, unerschrocken.

Dem römischen Staat ist bald aufgefallen, dass sich mit dieser christlichen Unerschrockenheit ein Problem anbahnt. Denn der römische Staat hat sein riesiges Reich mit Angst regiert: wer nicht gekuscht hat, wurde gnadenlos bestraft. Doch die Christen hatten keine Angst. Deshalb konnte man sie nicht einschüchtern und nicht zum Gehorsam zwingen.

Im römischen Reich gab es hunderte von Religionen. Jeder durfte für sich privat glauben, was er wollte, auch wenn es noch so abstrus war. Solange er die Anordnungen der Behörden befolgt hat.

Für die Anhänger all der verschiedenen Religionen war das kein Problem: tagsüber hat man als gehorsamer Staatsbürger gelebt. Abends hat man hinter verschlossenen Türen seine Religion praktiziert.

Nur die Christen (und auch die Juden) waren anders. Für sie war Gott nicht ein Figürchen, zu dem man nach Feierabend im Kerzenlicht gebetet hat. Sondern Gott war der Herr der Welt. Und zwar der einzige Herr: Der Herr des Lebens –  der Jesus von den Toten auferweckt hat! Der auch unsere sterblichen Leiber lebendig machen wird.

Ja und neben diesem Gott hat – in den Augen der Christen – der römische Kaiser gewirkt wie eine Ameise.    

Das haben die römischen Behörden natürlich gemerkt. Die Christen haben nicht widerspruchslos jede Anordnung befolgt. Sondern haben sich immer vorher überlegt: Was würde Jesus dazu sagen? Und wenn Jesus wohl Nein gesagt hätte, dann haben auch die Christen Nein gesagt.

Die Christen sind immer mehr geworden. Denn wie sie gelebt haben, war unglaublich attraktiv. Das Leben der Christen war leicht und frei. Sie haben ja den Geist, dessen, der Christus von den Toten auferweckt hat, in sich gespürt.

Die Leiden, von denen Paulus schreibt – ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll – mit diesen Leiden hat der Staat versucht, die wachsende christliche Welle zu stoppen.

Man hat Christen verhaftet (auch Paulus) und hat sie ohne Anklage und Prozess einfach im Gefängnis vergessen. Manche hat man aus ihren Häusern vertrieben. Anderen hat der Staat ihre kompletten Ersparnisse weggenommen, sie mussten betteln gehen. Einige wurden aus der Heimat verbannt. Es gab auch die Todesstrafe für christliche Gemeindeleiter.

Die Behörden wollten die Christen brechen. Das ist aber nicht gelungen. Trotz zunehmender Repression sind immer mehr Menschen im römischen Reich Christen geworden. Weil sie den Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat, so deutlich und so frisch in sich gespürt haben, dass alle Strafen bis hin zur Todesstrafe dagegen nicht ins Gewicht gefallen sind.

Denn dieser innerste Kern des christlichen Glaubens hat enorme Kraft: der Geist Gottes, der unsere sterblichen Leiber lebendig macht.

Umso merkwürdiger ist es, dass es um diesen Geist heute so still geworden ist.

Zum Anfang der Coronazeit habe ich noch gedacht: Jetzt kommt die Stunde der Kirchen. Wir Christen können der Angst doch etwas entgegensetzen – eben den Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Doch von den Kirchenleitungen kamen nur Verordnungen, in denen fast noch mehr Angst zu spüren war, als in den staatlichen.

Nicht einmal Papst Franziskus hat etwas gesagt, was über diese Welt und ihre Angst hinausgeführt hätte.

Haben sie alle vergessen, wessen Geist´ Gottes Kinder treibt?

Paulus selbst hat das allerdingst schon so kommen sehen. Er hat gewarnt: So sind wir nun, liebe Schwestern und Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Gewohnheiten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.  

„Nach dem Fleisch leben“ – das ist gar nicht so schwer zu verstehen: „Fleisch“ bedeutet einfach das biologische Leben. Also dieser Körper, in dem einige Jahre lang das Herz schlägt und der Stoffwechsel funktioniert. Irgendwann hört das Herz auf zu schlagen, der Körper verwest und damit hat es sich. Ja, Paulus denkt bei Fleisch immer schon die Verwesung mit.

Und nun sagt Paulus: Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, werdet ihr sterben. Wenn ihr nur das biologische Leben seht und euch nur durch diesen verwesenden Körper bestimmen lasst, dann gibt es für euch nichts anderes als das Sterben.

Modern ausgedrückt sagt man zu dieser Haltung Materialismus: Ein Mensch besteht nur aus Materie – also aus den Bestandteilen, die man aus dem Chemieunterricht in der Schule kennt. Aus diesen chemischen Bestandteilen ist der Mensch aufgebaut, ziemlich kompliziert, aber im Prinzip wie eine Maschine.

Und deshalb wird man, wenn man krank ist, auch behandelt wie in einer Autowerkstatt: Die Diagnose wird mit Hilfe eines  Computers gestellt. Wenn etwas nicht mehr rund läuft, gibt es ein Medikament als Schmiermittel. Und wenn ein Teil schadhaft ist, wird es von den entsprechenden Experten ausgetauscht.

Der Materialismus und seine Wissenschaft weiß nichts davon, dass jeder Mensch ein für uns rätselhaftes Zusammenwirken von Körper, Seele und Geist ist – dem Geist Gottes.

Deshalb ist für den Materialismus mit den Sterben alles zu Ende. Und deshalb ist der höchste Wert im Leben, das Sterben so weit wie möglich hinauszuschieben. Genau das hören wir nun seit über drei Monaten: das Leben muss geschützt werden um jeden Preis. Doch das Leben, was da geschützt wird, ist das nackte biologische Leben. Und es wird geschützt um den Preis der Lebensqualität.

Also: die Mutter im Pflegeheim durfte nicht besucht werden, damit sie auf keinen Fall angesteckt wird. Sie ist tatsächlich nicht gestorben. Doch sie hat über Monate nur noch vermummte Gestalten gesehen, die sie hinter der Maske weder erkannt noch verstanden hat. Und jetzt können die Angehörigen zwar einen Besuchstermin vereinbaren. Aber Bewohner und Besucher sitzen sich maskiert auf Abstand gegenüber, in vielen Heimen noch getrennt durch eine Glasscheibe.

Das nackte biologische Leben wird geschützt um den Preis der Lebensqualität.  

Die Fixierung auf das nackte biologische Leben gab es auch schon zur Zeit von Paulus. Und genau vor dieser Fixierung hat er gewarnt:

So sind wir nun, liebe Brüder und Schwestern, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, werdet ihr sterben.

Fleisch, wir erinnern uns: für Paulus ist es eben das nackte biologische Leben, bei dem er schon immer die Verwesung mitdenkt.

Und diese Fixierung auf das Fleisch, also auf das nackte biologische Leben, fixiert in Wahrheit auf das Sterben: Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, schreibt Paulus, werdet ihr sterben. Auch wenn ihr es nochmal und nochmal rausschiebt, es erwartet euch: Exitus! Schluss, aus, Ende.  

Das Schlimme dabei ist, dass dieses Ende einen unglaublich langen Schatten vorauswirft. Es ist, wie wenn man sich auf dünnem Eis bewegt: Die Angst vor dem Sterben lauert immer unter der Oberfläche. Und es braucht nur einen kleinen Anlass, dann ist sie mit ganzen Wucht da. Bei denen, die so auf das Fleisch fixiert sind, beeinträchtigt die Angst schon das Leben vor dem Sterben. Und dann wird es richtig verdreht: aus Angst vor dem Sterben verzichtet man auf das Leben.

Inzwischen zeigen sich die Folgen: Ein Mann mit Diabetes, über 70, Risikogruppe, hat auf alle Kontakte verzichtet, um sich nicht anzustecken: Tochter nicht gesehen, Enkel nicht gesehen, Urenkel nicht gesehen. Jetzt ist er gestorben – nicht an Corona, an multiplem Organversagen.

So oder so ist dem Leben ein Ende gesetzt.

Aber so muss es ja nicht sein. Paulus schreibt den Christen in Rom: In euch wohnt der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat. So sind wir nun nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben.

Wir sind dem Fleisch, dem nackten Leben, das immer schon nach Verwesung riecht, überhaupt nichts schuldig. Denn in uns wohnt Gottes Geist!

Wenn ihr durch den Geist die Gewohnheiten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.

Gewohnheiten! Ja, die Angst vor dem Sterben ist wie eine tief eingefahrene Spur, in die wir immer wieder hineinrutschen. „Es wird gefährlich – ich muss mich schützen!“ „Da könnte etwas drohen – ich muss mich absichern!“ Die Angst treibt.

Aber uns Christen treibt etwas anderes noch viel mehr: Der Geist Gottes. Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Und jetzt sagt Paulus: Wenn ihr durch den Geist die Gewohnheiten des Leibes tötet, so werdet ihr leben. Töten! Wir merken, es ist ernst. Die Fixierung auf das Fleisch und Gottes Geist halten nicht harmlos Händchen miteinander. Sondern: Entweder – Oder. Nur eines von beiden kann in uns leben.

Ja, dieses Entschiedene ist uns fremd geworden. Gerade in der Kirche.

Doch Paulus zeigt die klare Kante: Entweder Fleisch oder Geist. Entweder „Das nackte, biologische Leben ist der höchste Wert“ oder „der Glaube an den, der Jesus von den Toten auferweckt hat“. Das eine schließt das andere aus.

Weil die Fixierung auf das nackte biologische Leben uns ständig in Angst hält. Während der Glaube an den, der unsere sterblichen Leiber lebendig machen wird, die Angst nimmt.

Angst oder Freiheit. Sobald wir uns für Gottes Geist öffnen, stehen wir immer sofort in mitten drin in der Auseinandersetzung.

Doch die Auseinandersetzung lohnt sich: Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Söhne und Töchter. Und ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch wieder fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Sohnschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!

Ja, schon jetzt sind wir eingebunden in die Beziehung zu Gott. Lieber Vater!, rufen wir. Schon jetzt erleben wir, dass Angst und Tod ihre Macht verlieren. Schon jetzt spüren wir die Kraft des Lebens.

Natürlich, wir müssen sterben. Und vielleicht ist es uns zu früh. Oder es ist gar nicht schön. Aber es wird zum Etappenziel: Wenn wir dort ankommen, verliert die Angst jede Macht. Denn dann Gottes Geist, der bisher schon in uns gewohnt hat, unsere sterblichen Leiber lebendig.

Das Schöne ist: mit dieser Haltung wird schon das Leben vor dem  Sterben locker, leicht und frei. Wir müssen aus dem biologischen Leben nicht das Letzte herausquetschen. Und es darf auch etwas schiefgehen. Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.  

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