„Du bist einer, der Güte liebt!“

Heute haben wir als Predigttext die letzten Sätze aus dem Buch des Propheten Micha. Für mich gehören die Prophetenbücher zum Interessantesten in der ganzen Bibel. Denn die Prophetenbücher sind teilweise regelrechte Live- Mitschnitte aus der Zeit vor etwa 2500 Jahren. Die Propheten haben zur damaligen Politik Stellung genommen und sie aus Gottes Perspektive kommentiert.

Der Prophet Micha kam vom Land, aus dem Dorf Moreschet. Bis zur Hauptstadt Jerusalem war es weit. Aber der Einfluss Jerusalems hat sich bis ins letzte Dorf erstreckt. Denn die Elite in der Hauptstadt – Beamte, Politiker, Unternehmer – diese Leute haben gewusst, dass sie besser sind als die Landbevölkerung. Dass ihnen mehr zusteht. Und das haben sie sich genommen. Warum nicht? Sie konnten es. Und die anderen Jerusalemer haben auch so gemacht.

Ja und dann ist Micha aus Moreschet in der Hauptstadt aufgetaucht. Und hat dort gerufen: „So spricht Gott, der Herr …!“

Er hat die Eliten angeklagt: Ihr lasst euch bestechen, ihr seid Diebe, Betrüger! „Wollt ihr ein Stück Land, so raubt ihr es; gefällt euch ein Haus, so nehmt ihr es“ (Mi 2,2).  „Die Witwen treibt ihr aus ihren Häusern, den Kindern nehmt ihr das Erbe weg“ (Mi 2,9). „Ihr hasst das Gute und liebt das Böse. Wie Schlachtvieh sind euch die Menschen: ihr zieht ihnen die Haut ab, zerschlagt die Knochen und kocht sie für euch im Kessel! Eure Gier zerstört das Volk!“ (Mi 3,2f).

Harter Tobak. Doch die Worte haben nichts bewirkt. Man hat Micha einfach reden lassen. Auch als er die schlimme Folge der Gier für Jerusalem angekündigt hat: „So spricht der Herr: Um euretwillen wird Zion umgepflügt werden wie ein Acker, Jerusalem wird zu einem Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer Höhe wilden Gestrüpps“ (Mi 3,12).

Warum aufregen? Micha war nur ein einzelner isolierter Querulant. Er ist bald wieder aus der Hauptstadt verschwunden.

Ein paar Sympathisanten hatte er aber doch. Und die haben mitgeschrieben, was er geredet hat. Und haben die Schriftrolle sorgfältig aufbewahrt.

Eine Zeit lang ist alles weitergegangen wie bisher. Doch dann ist eine Kette von Katastrophen über Israel gekommen. Und das Volk das schon vorher so zerrüttet war, konnte den Katastrophen nichts entgegensetzen. Als es die im Norden getroffen hat, haben die im Süden gelacht. Als es die Reichen getroffen hat, die ausgepressten Landbewohner. Doch bald hat der Strudel des Niedergangs alle mitgerissen.

Am Ende gab es einen großen Krieg. Drei Jahre lang wurde Jerusalem belagert und sturmreif geschossen. Als sich der Rauch verzogen hat, fand sich nur noch einen kleiner Rest von Überlebenden. Die Hauptstadt war ein Steinhaufen. Und der Tempel wurde von Gestrüpp überwuchert. Wie Micha es hat kommen sehen.

Wir wissen das, weil die Schriftrolle mit Michas Prophetenworten aufbewahrt wurde. Als die Katastrophen gekommen sind, war klar: Micha war kein verrückter Querulant. Er hat tatsächlich Gottes Wort an die Menschen in Jerusalem ausgerichtet. Seine Ankündigungen sind wahr geworden. Wache Zeitgenossen haben auch das in Worte gefasst, und damit Michas Prophetenrolle ergänzt: „Warum schreist du so laut, Jerusalem? Ist kein König bei dir? Sind deine Ratgeber fort? Haben dich Wehen erfasst wie eine Gebärende?  Stöhne, du Tochter Zion, wie eine Gebärende; denn jetzt musst du zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen“ (Mi 4, 9-10).

Bei manchen dieser Nachträge merken wir Genugtuung: Ja, Micha hat recht gehabt. Bei manchen auch Verzweiflung: alles ist verloren.

Und wir merken die Frage, wo Gott ist. Die Sympathisanten des Propheten haben sich wahrscheinlich lange gewünscht, dass das Unheil endlich kommt. Damit die Ausbeuter bezahlen müssen für ihre Verbrechen.  Doch als die Katastrophen gekommen sind, hat es ja auch die Armen getroffen. Die trifft es meistens am Härtesten. Das ist doch nicht gerecht!

Im letzten Teil des Micha-Buches finden wir Überlegungen zu solchen Fragen. Warum lässt Gott solche Katastrophen zu? Was ist das für ein Gott? Wozu brauchen wir Gott überhaupt, wenn am Ende sowieso alles in Trümmern liegt?

Und jetzt lese ich die allerletzten Sätze des Micha-Buches, erstaunliche Sätze:

Wo ist ein Gott wie du,
der Unrecht wegträgt,
der an der Auflehnung vorübergeht
– beim Rest seines Eigentums!

Er hält nicht ewig fest an seinem Zorn,
denn er ist einer, der Güte liebt.

Er wird sich wieder über uns erbarmen
und unser Unrecht zertreten.

Du versenkst all unsere Verirrungen
in die Tiefen des Meeres.

Du wirst Jakob die Treue schenken und Abraham die Güte,
wie du unsern Vätern geschworen hast vor allen Zeiten.
(Micha 7, 18-20)

Das muss einige Zeit nach der Zerstörung Jerusalems geschrieben worden sein. Es hat einen Neuanfang gegeben:
Wo ist ein Gott wie du, der Unrecht wegträgt,
der an der Auflehnung vorübergeht – beim Rest seines Eigentums! … Gott ist einer, der Güte liebt!

Aber es war nicht mehr wie früher. Die das geschrieben haben, haben sich als Rest empfunden: Wo ist ein Gott wie du, der Unrecht wegträgt, der an der Auflehnung vorübergeht – beim Rest seines Eigentums! Nur wenige haben überlebt. Nur ein Rest hat sich wieder gefunden.

Aber dieser Rest hat auch Gott wieder gefunden: Du bist einer, der Güte liebt!

Und es hat tatsächlich einen Neuanfang gegeben. Wir merken –  diesem Rest, der sich gefunden hat, ist bewusst, was die Ursache für die Katastrophen war: Unser Unrecht, unsere Verirrungen, unsere Auflehnung.

Ob dieser Rest nur aus der ehemaligen Elite bestanden hat? Das muss nicht sein. Ich glaube eher, dass auch ehemalige Ausgebeutete gemerkt haben: wir haben ja auch mitgemacht, damals. Hätten sich die Armen geschlossen hinter den Propheten Micha gestellt, hätten sie lautstark demonstriert, dann hätte die Elite nicht einfach weitermachen können. Doch als Micha im Namen Gottes gesprochen hat, haben auch die Armen über ihn gelacht. 

Unser Unrecht, unsere Verirrungen, unsere Auflehnung gegen Gott! Der Neuanfang komm aus der bitteren Erkenntnis: wir alle haben unseren Teil dazu beigetragen, dass es zur Katastrophe gekommen ist.

Mitten drin in diesen Sätzen steht ein für uns anstößiges Wort: Gottes Zorn.  Gott hält nicht ewig fest an seinem Zorn – so ist es zwar abgemildert. Aber doch bleibt Gottes Zorn stehen.

In unseren Kirchen macht man schon lange einen großen Bogen um Gottes Zorn. „Das kann man doch heute nicht mehr so sagen!“  

Doch wenn ich sehe, dass sich das Wesen der Menschen seit Michas Tagen überhaupt nicht verändert hat, wird sich Gott ja wohl auch nicht verändert haben.

Es gibt nur, was Gottes Zorn angeht, ein großes Missverständnis: nämlich dass Gott, wenn er zornig wird, die Menschen straft, etwa mit einem Blitz vom Himmel.

Doch in der ganzen Bibel wird nie erzählt, dass Gott jemand mit einem Blitz erschlägt. So ist Gott nicht. Nein, Gottes Zorn äußert sich einfach darin, dass er die Menschen tun lässt, was sie wollen. Wenn Gott zornig ist, schaut er den Menschen einfach zu. Das Fatale ist, dass wir Menschen meistens in unser Unglück rennen, wenn wir tun, was wir wollen.

So war es zur Zeit Michas. Die Eliten haben gemeint, sie könnten auf die unteren Volksschichten verzichten. – Bitteschön!

1943 hat die Menge im Berliner Sportpalast auf Goebbels Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ „Ja!“ gebrüllt. – „Gut, wenn ihr es wollt …“

Und heute? Es wird immer erst im Rückblick klar, was die entscheidende Weggabelung war. Vielleicht: „Wollt ihr, dass euer Leben um jeden Preis geschützt wird?“

Gottes Zorn ist, wenn er uns unseren Willen lässt.

Was wir als Gottes Zorn erleben – Verhängnisse, Katastrophen, Verzweiflung, Zerstörung, Einsamkeit – ist nicht eigentlich Gott. Man kann Gottes Zorn vielleicht verstehen als Negativabdruck Gottes. Wenn Gott sagt: „Bitteschön, wie ihr wollt!“, zurücktritt und die Arme verschränkt. Wenn Gott einfach uns Menschen machen lässt. Und unsere Intelligenz, unsere Technik, unsere Wirtschaftsmacht wird durch nichts mehr gebremst. Das geht schief.

Es geht auch anders. Nämlich wenn wir bitten: „Dein Wille geschehe!“ So halten wir die Verbindung zu Gott. Und fragen: Was würde Jesus jetzt tun? So kann es gut gehen.

„Ihr wolltet es böse machen, aber Gott hat es gut gemacht.“ Das ist das Fazit nach einer langen und verwickelten Familiengeschichte – Josef und seine Brüder – wo mindestens einer die Verbindung zu Gott gehalten hat: „Ihr wolltet es böse machen“, hat Josef zu seinen Brüdern gesagt,  „aber Gott hat es gut gemacht.“

Und das hat der Rest, der sich in den Trümmern gefunden hat, anscheinend auch erlebt: Wir haben uns heillos verlaufen. Doch Gott hat uns wieder gesammelt. Gott hat die Verbindung, die wir zerschnitten haben, neu geknüpft. „Gott hält nicht ewig fest an seinem Zorn. Denn er ist einer, der Güte liebt.“

Güte, das ist Gottes Eigentliches, sein helles, klares Gesicht – das wir auch von Jesus kennen: Gott ist einer, der Güte liebt.

Und dieser Rest der Überlebenden hat wieder Verbindung bekommen zum eigentlichen Gott. Zu Gottes hellem, klaren Gesicht.

Aber warum nur ein Rest? Was ist mit all den anderen – die in diesem schrecklichen Krieg umgekommen sind? Die hatten ja keine Chance. Ich kann nicht behaupten, dass ich es verstehe. Denn der Rest, das waren nicht die Guten. Das waren einfach die, die zufällig überlebt haben.

Ich kann nicht behaupten, dass ich es verstehe. Aber kann es sein, dass die Beziehung zu Gott nur in einer überschaubaren Gruppe funktioniert? Nicht in der Masse?  

Kann es sein, dass Menschen in einer Masse zwangsläufig die Beziehung zu Gott verlieren? Und dass deshalb große Reiche oder Staatsgebilde zwangsläufig ihre eigene Katastrophe produzieren?

Können wir Menschen vielleicht überhaupt erst dann wirklich bitten: „Dein Wille geschehe!“, wenn wir mit unserem eigenen Willen gegen die Wand gefahren sind?

Vielleicht ist tatsächlich ein übriggebliebener Rest die Voraussetzung für den Neuanfang.

Und Gott ist die Voraussetzung für den Neuanfang.

Wo ist ein Gott wie du, der Unrecht wegträgt,
der an der Auflehnung vorübergeht – beim Rest seines Eigentums!

Er wird sich wieder über uns erbarmen
und unser Unrecht zertreten.

So ist es wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt. In normalen deutschen Übersetzungen steht da flach und nichtssagend: Gott vergibt Sünden. Im Original ist es anders. Da merken wir, wie sich Gott an uns Menschen abarbeitet: er trägt Unrecht weg und zertritt es!

„Wegtragen“ ist anstrengend und kräftezehrend. „Zertreten“ – dazu braucht es Gewalt. Denn was Menschen anrichten, ist kein Pappenstiel. Diese ganze Ausbeutung, Unterdrückung, Gier – das macht auch Gott zu schaffen. Aber er schafft es weg. Und ich sehe das schon ganz konkret: für uns in Deutschland – das System, in dem das Volk den totalen Krieg wollte, das hat Gott zertreten. Durch die Russen, die USA. Ziemlich gründlich hat er es zertreten. Es hat 54 Jahre gedauert– bis 1999 – bis Deutschland erstmals wieder Krieg geführt hat, im Kosovo.

Wo ist ein Gott wie du,
der Unrecht wegträgt,
der an der Auflehnung vorübergeht
– beim Rest seines Eigentums!

Er hält nicht ewig fest an seinem Zorn,
denn er ist einer, der Güte liebt.

Er wird sich wieder über uns erbarmen
und unser Unrecht zertreten.

Du wirst Jakob die Treue schenken und Abraham die Güte,
wie du unsern Vätern geschworen hast vor allen Zeiten.

Der Rest der Überlebenden in Israel hat Gott wieder neu erlebt. Oder besser: dieser Rest hat das alte, ewige, helle, klare Gesicht Gottes wieder gesehen: „Du bist einer, der Güte liebt!“

Sie haben das gütige Gesicht Gottes deshalb gesehen, weil sie verstanden haben: auch in der Katastrophe, in all dem Furchtbaren hatten wir es mit Gott zu tun. Das war sein Negativabdruck. Als er uns einfach hat machen lassen.

Wo stehen wir? Wir sind nicht mehr der Rest, der sich nach dem 2. Weltkriegt wieder aufgerappelt hat. Inzwischen leben wir in einer Gesellschaft, die sich weitgehend von Gott losgesagt hat. Das Micha-Buch zeigt klar, was auch für uns die Folge sein wird.

Doch wir heute im Gottesdienst, wir dürfen schon diese letzten Sätze des Micha-Buchs hören. Und darin erkennen wir das eigentliche Gesicht Gottes: „Du bist einer, der Güte liebt!“ Daran können wir uns halten, bei allem, was vielleicht kommt.

Auch wenn Gott einen Schritt zurücktritt und den Menschen ihren Willen lässt – für alle, die die Verbindung zu ihm halten, bleibt er der nahe Gott. Und wo immer wir nach Gott fragen und bitten: „Dein Wille geschehe!“, da umgibt uns seine Güte und wir sind geborgen – mitten im Chaos, wenn es denn so kommt.

Das ist das große Plus, das wir haben, das Geschenk der Bibel, der Prophetenbücher. Wir wissen: wir sind nicht die ersten, über die eine Katastrophe hereinbricht. Und wir wissen: durch alles hindurch hält Gott zu uns Menschen.      

Er hält nicht ewig fest an seinem Zorn,
denn er ist einer, der Güte liebt.

Er wird sich wieder über uns erbarmen
und unser Unrecht zertreten.

Du wirst Jakob die Treue schenken und Abraham die Güte,
wie du unsern Vätern geschworen hast vor allen Zeiten.

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