Das Kind trösten

 „Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ . Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“  (Römer 12, 17- 21)

„Vergeltet niemand Böses mit Bösem.“  Warum eigentlich nicht? Wenn die Polizei endlich mal einen erwischt hat, der so richtig etwas Böses getan hat – also vielleicht einen Mörder, einen Terroristen, einen, der Kinder vergewaltigt – wenn man so einen erwischt hat, der soll doch bezahlen! Ja, bezahlen soll er für das Leid, das er über andere gebracht hat!  

Der Raser, der in Stuttgart ein junges Paar totgefahren hat – der soll doch spüren, was er seinen Opfern angetan hat. Nicht bloß ein paar Jahre wegen fahrlässiger Tötung. Sondern Mord! Lebenslänglich! Aber wirklich lebenslänglich! Nicht nach 15 Jahren wegen guter Führung wieder entlassen werden.
Wenn wieder jemand so etwas richtig Böses tut, hört man Leute so reden.

Zum Glück sind die wirklich schlimmen Verbrechen selten. Aber auch als ganz normaler Mensch kann man so richtig böses erleben. Streit mit dem Nachbarn. Das geht ja oft über Jahre, manchmal so schlimm, dass man nicht mehr in den Garten hinausgeht. Oder Feindschaft zwischen Geschwistern. Nicht selten werden Geschwister zu Feinden, wenn es ans Erben geht. Oder ein Ehepartner, der dem anderen das Leben zur Hölle macht.  

Natürlich sollen die Bösen bezahlen!

Deshalb ist es seltsam, was Paulus schreibt. „Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. … Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.“ Und Jesus hat es ganz ähnlich gesagt: „Liebt eure Feinde und segnet, die euch verfluchen. Wenn dich einer auf die Backe schlägt, halte ihm die andere auch hin.

Aber ich bin doch kein Schwächling, kein Opfer! Warum soll ich nachgeben?

Weil nur so die Feindschaft ein Ende findet.

Schauen wir uns dazu eine Geschichte aus dem Alten Testament an von Saul, dem König und dem jungen David. Saul hat David praktisch adoptiert. So einen Sohn hat er sich immer gewünscht: stark, schnell, mutig, schön. Sauls eigener Sohn, war anders: weich, kein Kämpfer.

Als David im Palast eigezogen ist, war Saul glücklich. Er hat David ausbilden lassen und zum Offizier in seiner Armee gemacht. Schließlich zu seinem Stellvertreter als Anführer im Krieg.

Doch dann hat König Saul gehört, wie die Leute im Palast sich unterhalten haben: „Saul ist schon recht, aber David ist besser!“  Das hat Saul einen Stich versetzt. Und aus der Liebe und Fürsorge des Königs für seinen jungen Offizier ist Misstrauen geworden. Aus dem Misstrauen Angst: „David will König werden. Er wird mich aus dem Weg räumen.“ Aus der Angst ist Hass geworden.

König Saul hat versucht, David zu töten. Gerade noch konnte David entkommen und fliehen. Doch Saul hat keine Ruhe gegeben. Er hat Spitzel losgeschickt und sobald ihm Davids Versteck gemeldet wurde, ist er mit seiner Leibwache losgeritten um David zu erledigen. David ihm allerdings immer in letzter Sekunde entkommen.

Doch wenn einer Böses getan hat, dann König Saul. Zwar hat er David nicht erwischt. Doch in seinem Hass hat er die ermordet, die David Schutz und Essen gegeben haben. Wenn David nach so einer Strafaktion von Saul nach seinen Freunden geschaut hat, die ihn aufgenommen haben, hat er nur noch rauchende Häuser gefunden. Und die Bewohner niedergemetzelt.

Saul, dieser Mörder, der muss doch von Grund auf böse sein.

Doch Saul war nicht immer so. Als junger Mann – und junger König – war er eine Lichtgestalt. „Er war ein schöner junger Mann. Und es war niemand unter den Israeliten, der so schön war wie er, eines Hauptes länger als alle anderen“ (1.Sam 9,2). Wie konnte aus diesem schönen jungen Mann der brutale Mörder werden?

Er hatte keine schlechten Gene. Sondern er hatte Angst. Und diese Angst hat jeder Mensch. Die Angst: ich werde verstoßen!

Diese Angst setzt sich schon ganz früh fest – ich denke, in jedem Kind. Saul war der Erstgeborene. Als er zwei war, ist ein Brüderchen dazugekommen. Ihn hat man aufs Töpfchen gesetzt. Und wenn dann doch einmal was in die Hose gegangen ist, hat die Mutter geschimpft. Während alles, was der Jüngere macht, gelobt worden ist: „Er hat so eine gute Verdauung!“ Das ist ungerecht! Kein Zweijähriger versteht, dass die Mutter für ihn plötzlich nur noch halb da ist. „Nein Saul, du darfst nicht auf den Arm. Du kannst doch selbst laufen.“  

Aus der Perspektive der Mutter geht es nicht anders. Für das Kind bricht seine kleine Welt zusammen.

„Die Mutter will mich nicht mehr. Ich habe etwas falsch gemacht. An mir muss etwas ganz schrecklich sein.“  Und die Frage bohrt sich in das Kind hinein: „Wenn ich so schrecklich bin, kann mich überhaupt jemand beachten?“

Beim Jüngeren geht es später natürlich genauso. „Den großen Bruder nehmen sie immer mit, wenn es interessant wird. Ich bin nicht gut genug. Ich bin bloß der kleine Depp!“ Der Bruder wird zum bitteren Konkurrenten. Denn es geht um alles: Darf ich sein oder nicht? Ich oder er!

Und dann entwickelt jedes Kind eine Strategie, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Großen strengen sich oft an, machen sich nützlich. Das schätzen die Eltern. Ein anderer macht Schwierigkeiten – so viel Schwierigkeiten dass die Eltern sich um ihn kümmern müssen!

Der zweijährige Saul hat sich für die erste Strategie entschieden. Es hat geklappt. Er ist schön, stark, geschickt geworden – „einen besseren König können wir nicht bekommen!“ Doch innen drin im strahlenden König war immer noch der Zweijährige mit seiner Angst: „Lieb haben Sie doch nur den Kleinen! Mich wollen sie los werden.“

So geht das. Und diese Angst – die Angst, ausgestoßen zu werden – ist der Kern in jedem Streit, in jeder Feindschaft.

Und so hatte der erwachsene Saul als König den Befehl über Krieg oder Frieden. Doch getrieben war er von der Angst eines Zweijährigen, der in existentieller Panik versucht, seinen Konkurrenten loszuwerden: „Wenn ich David getötet habe, wird das Volk mich wieder lieben!“ Deshalb konnte Saul gar nicht aufhören, David nach dem Leben zu trachten.

David hat es irgendwann nicht mehr ausgehalten: immer auf der Flucht, von einem Versteck ins andere, immer auf der Hut vor Spitzeln und immer hungrig. Und er hat jeden in Lebensgefahr gebracht, der ihm irgendwie geholfen hat.

Weit entfernt von jeder bewohnten Gegend hat er sich mit seinen Männern in einer Höhle am Toten Meer verkrochen. Doch wieder hat ein Spitzel sie verraten. Und Saul ist mit dreitausend Soldaten losgezogen, um die Sache zu Ende zu bringen.

David und seine Männer haben sie kommen sehen, unten im Tal. Sie saßen in ihrer Höhle fest. Sie konnten nur hoffen, dass die Soldaten ihr Versteck nicht entdeckten – die Chancen waren nicht schlecht, schließlich gibt es am Toten Meer unzählige Höhlen.

Doch plötzlich hält die Kolonne an, König Saul an der Spitze steigt ab. Und geht zur Höhle hinauf.

David erschrickt ins Mark: „Sie kommen! Nach hinten! Versteckt euch!“ Hinten im Dunkel warten sie – mit gezogenen Schwertern. Da taucht König Saul im Höhleneingang auf.  Er geht ein paar Schritte in die Höhle hinein und beginnt an seinem Gürtel zu nesteln. Dann legt er Gürtel und Schwert auf den Boden, zieht seinen Mantel aus, legt ihn über einen Felsblock und hockt sich davor nieder.

David hält den Atem an. Da stößt ihn einer seiner Männer in die Seite, drückt ihm ein Messer in die Hand und zeigt auf Saul.

Das ist die Chance. Saul ist da vorn beschäftigt. David kann sich anschleichen und ihm die Kehle durchschneiden. Dann ist der Mörder tot. Und David hat Ruhe.

Doch was werden die Soldaten unten tun, wenn der König nicht wieder kommt? Wenn sie den Tod des Königs rächen, haben David und seine Männer keine Chance.

Noch einmal stößt der Mann David an. Doch David schüttelt den Kopf. Was, will David etwa still im Dunkeln bleiben? Diese einmalige Chance verschenken? Dann wird das Leben in Angst und auf der Flucht weitergehen – so lange, bis Saul David irgendwann doch erwischt.

Doch David bleibt nicht still sitzen. Er packt das Messer und schleicht sich nach vorne. Aber – er schneidet Saul nicht die Kehle durch. Sondern schneidet einen Zipfel von Sauls Mantel ab und schleicht zurück. Seine Männer sind entsetzt: „Warum? Warum hats du ihn nicht getötet?“

Doch es ist zu spät. Saul steht schon wieder auf, richtet seine Kleider, wirft den Mantel über und schnallt Gürtel und Schwert fest und ist verschwunden.

Jetzt geht es los: „Warum hast du ihn nicht getötet? Wir wären frei gewesen! Der Herr hat ihn in deine Hand gegeben und du hast ihn entkommen lassen“. Vielleicht zischt einer: „Feigling!“ Aber David steht nur auf und geht zum Höhleneingang. Und dann tritt er hinaus.

„Halt“, rufen sie hinter ihm, „David, bist du verrückt!?“ Doch es ist zu spät: David steht draußen in der Sonne. Und er ruft. „Mein Herr und König“. Saul, der noch nicht ganz unten ist, dreht sich um und zuckt zusammen.  Da verneigt sich David bis zum Boden. Dann hält er den Zipfel des königlichen Mantels hoch. „König Saul, du meinst, ich wäre dein Feind. Aber schau her! Wenn ich gewollt hätte, hätte ich dich töten können. Aber ich will dich nicht töten! Du bist doch König über Israel!“

„Und Saul erhob seine Stimme und weinte“, lesen wir in der Bibel (1. Samuel 24). Von da an hat Saul David in Frieden gelassen.

Diese Geschichte zeigt, wie Paulus seine Sätze gemeint hat: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Und Jesus: „Liebt eure Feinde!“

David hat es geschafft, dass Sauls Feindschaft ein Ende gefunden hat. Und wie hat er es geschafft? Er hat den Zweijährigen angesprochen, das Kind in Saul. Der so verzweifelt war in seiner Angst: „An mir muss etwas ganz schrecklich sein. So einen wie mich kann man nicht wollen.“

Doch David hat ihm gezeigt: „Ich will dich nicht aus dem Weg schaffen. Ich achte dich als König.“

Das hat Saul seine Angst genommen. Und deshalb ist er frei geworden. Frei, von dieser Besessenheit: Ich muss David töten – er oder ich!

Das ist der einzige Weg, der zum Frieden führt.

Doch warum gibt es so wenig Menschen, die diesen Weg zum Frieden finden? Weil dieser Weg eine Voraussetzung hat. Wahrscheinlich trägt jeder Mensch in sich diese Überzeugung: „Etwas an mir muss ganz schrecklich sein.“ So lange ich mich so klein und minderwertig fühle, erscheinen alle anderen als Riesen. Dass sie sich selbst klein fühlen und verängstigt kann ich so nicht sehen.

Erst wenn ich eine andere Stimme höre, ändert sich das. Diese andere Stimme kommt von Gott, dem Vater, dem guten Hirten: „Genau so, wie du bist, bist du richtig.“

David hat diese Stimme anscheinend gehört. Und Jesus. Und Paulus. Und wir können sie auch hören, zum Beispiel gleich in dem Lied: Nun aufwärts, froh, den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt. Wir gehen an unsres Meisters Hand. Und unser Herr geht mit.

Er nimmt uns bei der Hand:  „Komm! Genau so, wie du bist, bist du richtig.“ Und an seiner Hand können wir die Angst in unseren Feinden sehen, können sie verstehen. Und können unserem Feind vielleicht den Satz sagen, unter dem sich seine Angst auflöst.

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