Wenn ich schwach bin, bin ich stark.

Mose hat die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten geführt, durch die Wüste, 40 Jahre lang, und nun waren sie an der Grenze zum Land Kanaan, das die neue Heimat werden sollte. Mose hat gemerkt, dass er bald sterben wird. Und so hat er die Israeliten noch einmal daran erinnert, was an ihnen so besonders, so einmalig ist. Gott hat Israel nämlich als sein „Modellvolk“ ausgewählt. An Israel zeigt Gott, wie es aussieht, wenn Menschen mit ihm leben.

Und was ist nun das einmalige an Israel?  

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

Was für ein seltsames Alleinstellungsmerkmal: „Der HERR hat euch nicht erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern.“

Das ist schon merkwürdig. Ob wir Gott nun etwas zutrauen oder nicht – aber wenn wir marketingstrategisch denken, dann wäre es sinnvoll gewesen, Gott hätte sich ein großes mächtiges Volk ausgesucht als sein Volk. Das wären damals die Assyrer gewesen oder die Ägypter, beides Weltmächte. Und nicht das winzige Israel, das man im Schatten der großen kaum wahrgenommen hat.

Doch wenn es um Gott geht, kommen wir mit Marketingstrategie nicht weit. Aus dem einfachen Grund, weil Gott kein Marketing nötig hat.

Dabei dürfen wir Gott allerdings nicht mit den Kirchen verwechseln. Die Kirchen versuchen ja teilweise geradezu krampfhaft Aufmerksamkeit zu gewinnen – weil sie merken, dass die Leute sie kaum noch wahrnehmen.

Gott hat Aufmerksamkeit nicht nötig. Weil Gott die Grundlage von allem ist. Zum Beispiel ist es Gott, der unser Herz schlagen lässt. Das tun wir ja nicht selber. Das tut Gott. Wir leben, weil Gott sich um uns kümmert. Und wenn Gott will, dass ein Mensch ihn wahrnimmt, dann braucht er nur sein Herz anzuhalten. Dann steht auch der verstockteste Atheist ganz plötzlich Gott direkt gegenüber.

Nein, Gott hat Marketing nicht nötig. Aber warum hat Gott dann das kleinste unter den Völkern als sein „Modellvolk“ ausgewählt? Es hätte ja auch genug mittlere Völker gegeben.

Ich denke Gott hat sich deshalb das kleinste ausgesucht, weil wir Menschen Gott immer erst dann wirklich wahrnehmen, wenn er uns rettet.

Wir könnten ihn natürlich auch schon vorher wahrnehmen. Etwa indem wir uns klar machen, dass kein Mensch sein Herz selbst schlagen lassen kann.

Doch das ist so alltäglich. Wieso soll Gott etwas mit unserem Herzschlag zu tun haben? Die Medizin bietet ja auch Erklärungen an, dass Sympathicus und Parasympaticus und elektrische Impulse zusammen irgendwie das Herz schlagen lassen. Ein bisschen verschwurbelt und das erklärt natürlich gar nichts, aber es klingt wissenschaftlich. Damit kann man auf jeden Fall den beunruhigenden Gedanken, dass unser Leben vielleicht von Gott abhängig sein könnte, auf die Seite schieben.

Es ist schwer für uns, Gott im Alltäglichen zu entdecken. Wir bemerken ihn meistens erst dann, wenn er uns rettet. Und dieses Erleben, dass wir gerettet werden, das gibt es ja nur, wenn wir uns selbst nicht mehr helfen können.

Deshalb könnte es für uns tatsächlich ein Plus sein, wenn wir schwach sind. Ja, es könnte sein, dass Schwache besser dran sind als Starke.

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind – und nicht die Ägypter.

Denn die damalige Weltmacht Ägypten musste nicht gerettet werden. Sie konnte auch gar nicht gerettet werden. Die Ägypter haben ja alle Völker im weiten Umkreis beherrscht und unterdrückt. Gerettet werden konnten die Sklaven der Ägypter – die Israeliten.

Aber auch nicht einfach so. Bestimmt kennen Sie ja alle die Geschichte von Mose. Die schlimme Zwangsarbeit, die den Israeliten das Rückgrat brechen sollte. Dann der Befehl, alle Söhne der Israeliten zu töten. Furchtbar! Der kleine Mose hat überlebt.

Dann sind Jahre vergangen. Mose musste fliehen, weil er einen Aufseher erschlagen hat. Weit entfernt hat er eine neue Heimat gefunden.  

Weitere Jahre sind vergangen. Jahrzehnte. Und die Israeliten sind weiter zusammengebrochen unter der schweren Arbeit, gestorben unter den Peitschen der Aufseher.

Und dann hat Gott Mose gerufen: „Ich habe das Schreien meines Volkes gehört! Geh zum Pharao und führe mein Volk in die Freiheit.“

„Ich habe das Schreien gehört!“ Das ist keine überflüssige Floskel. In all den Jahrzehnten vorher haben die Israeliten wahrscheinlich geschimpft, geklagt, gestöhnt. Ja, wahrscheinlich auch geschrien unter den Peitschenhieben. Aber sie haben nicht zu Gott geschrien.

Das Schreien zu Gott scheint der Schlüssel zu sein. Warum weiß ich auch nicht. Aber anscheinend Gott hilft immer dann, wenn jemand zu ihm schreit.

Das war auch später so. Als die Israeliten im Land Kanaan eine neue Heimat gefunden haben, waren sie immer noch das kleinste unter den Völkern, allen Nachbarn hilflos ausgeliefert. Im Buch der Richter wird davon erzählt, wie kriegerische Nachbarvölker Jahr für Jahr die Ernte der Israeliten geplündert haben.

Da lesen wir etwa: Israel war unter der Hand der Philister. Und sie zertraten und zerschlugen die Israeliten zu jener Zeit achtzehn Jahre lang. Da schrien die Israeliten zu dem HERRN und der Herr erweckte ihnen einen Retter, der sie errettete.

18 Jahre lang haben die Menschen das Plündern erduldet. Vielleicht haben sie sich ein bisschen gewehrt. Aber dann haben sie sich in ihr Schicksal gefügt. Bestimmt haben sie geschimpft, geklagt, gestöhnt – und haben sich gefragt, warum Gott nicht hilft. Erst nach 18 Jahren hat sich an der Haltung der Leute etwas verändert: Da haben sie zu Gott geschrien. Sie mussten nicht lange warten: „Und der Herr erweckte ihnen einen Retter, der sie errettete. Und das Land hatte Ruhe 40 Jahre lang.“  

Das Schreien zu Gott bringt die Veränderung.

Warum hilft Gott nicht einfach so? Ich weiß es nicht.

Aber anscheinend ist die Voraussetzung einer Rettungserfahrung wirkliche existentielle Not. Eine Not, in der wir Menschen uns nicht mehr selbst helfen können, in der wir keine eigenen Möglichkeiten mehr haben. Und dann muss uns einfallen: Da ist doch noch Gott!

Vielleicht ist ja der Satz: „Jetzt hilft nur noch beten!“ gar nicht das Ende, sondern der Anfang. Aber Beten nicht als eingeübte Sache, gar eine Pflicht. Sondern Beten als Schrei in existentieller Not.

In den Psalmen stoßen wir ständig auf diese Erfahrung:

„Als mir Angst war, schrie ich zum Herrn, meinem Gott!“ (Ps 18,7)
„Herr, mein Gott, als ich zu dir schrie, machtes du mich gesund!“ (Ps 30, 3)
Du hörtes die Stimme meines Flehens, als ich zu die schrie.“ (Ps 31, 23)
„Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.“ (Jona 2,3)

Ja, vielleicht kann man es so sagen: Wenn wir ganz unten sind, dann haben wir ein Plus, das wir sonst nicht haben.

So hat wohl Jesus auch seine Seligpreisungen gemeint:

Selig seid ihr – das heißt: Glück habt ihr – ihr Armen.
Glück habt ihr, wenn ihr hungert!
Glück habt ihr, wenn ihr weint!
Glück habt ihr, wenn sie euch hassen und ausstoßen und über euch herziehen!

Das soll unser Glück sein? Jesus, bist du verrückt?

Aber nein. Jesus hat es so gemeint: Wenn ihr ganz unten seid, wenn ihr dann zu Gott schreit, dann erlebt ihr, wie er euch rettet. Und das ist ein unglaubliches Gefühl.
Das Gefühl: Ich bin getragen! Ich bin geschützt. Mir kann nichts geschehen. Gott liebt mich!

Wie bei Israel: Der HERR hat euch nicht erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – ihr seid das kleinste –, sondern weil er euch geliebt hat. Ja und diese Liebe Gottes können wir hier in unserer Welt am deutlichsten erleben, wenn er uns rettet.

Natürlich, wenn ich das so sage, ist es nur eine Behauptung.

Zu Gott schreien, das muss jeder selbst ausprobieren. Und dann selbst erleben, wie Gott rettet. Und‘ wenn man es erlebt hat, kann man es nicht wirklich jemandem erzählen. Da wird man nur belächelt.   

Aber ich habe es Ihnen jetzt trotzdem gesagt. Denn alles kommt drauf an, dass uns, wenn wir in einer existentiellen Not sind, Gott einfällt. Und dass wir in der Not nicht zornig auf Gott werden. Sondern dass wir zu ihm schreien.

Das ist unsere Chance. Denn ganz unten, am Ende unserer Möglichkeiten, da können wir – endlich – Gott freie Bahn lassen.

„Wenn ich schwach bin, bin ich stark!“ So hat Paulus diese Erfahrung kurz und prägnant gefasst: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ Wobei Paulus genau gewusst hat, wer das starke Ich in ihm ist: „Dann lebe eigentlich gar nicht ich“, hat er geschrieben, „sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2, 20). So, wie Gott mitten in seinem Volk Israel gelebt hat.

Israel, das kleinste und schwächste unter den Völkern, war Gottes Modellvolk. An Israel können wir sehen, wie es aussieht, wenn Menschen aus dem Vertrauen auf Gott leben. Wie Gott rettet.

Und wir können sehen, was immer passiert ist, wenn Gottes Volk ohne Gott leben wollte und auf die eigene Stärke gesetzt hat.

Ja und das kann uns Mut machen, unsere eigene Schwäche zu akzeptieren. Wir brauchen uns gar nicht davor fürchten, schwach zu werden. Schwach sein ist nicht das Ende. Sondern der Anfang. Sobald wir zu Gott zu schreien.  

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