Vom Leben gefunden

Eine der ganz wichtigen Geschichten in der Bibel ist die vom Steuereintreiber Zachäus. Sie spielt in Jericho, im Land Israel. Und zu der Zeit, als Zachäus gelebt hat, war das Land Israel von den Römern erobert. Überall waren römische Soldaten. Das war für die Leute in Israel nicht gut. Denn die Römer waren brutal. Für sie waren die eroberten Länder wie eine Zitrone, die sie ausquetschen wollten bis zum letzten Tropfen.

Doch es war auch nicht für alle schlecht, dass Israel ein besetztes Land war. Denn die Römer haben Steuereintreiber eingesetzt. Diese Steuereintreiber gingen von Haus zu Haus und haben in die Scheunen und in die Ställe geschaut. Für jeden Sack Getreide, für jede Ziege im Stall mussten die Besitzer Steuern zahlen. Und wenn eine Familie zu arm war und kein Geld hatte, um die Steuern zu bezahlen, hat der Steuereintreiber einfach die Ziege mitgenommen. Und auch sonst konnten sich die Steuereintreiber einfach alle möglichen Abgaben ausdenken.

So sind die Steuereintreiber reich geworden. Denn sie haben nicht alles, was sie den Leuten abgenommen haben, an die Römer weitergegeben. Sondern haben eine ganze Menge für sich behalten.

Zachäus war so einer. Die Leute mussten ihm geben, was er wollte. Wenn jemand nicht zahlen wollte, ist Zachäus zum Wachhaus gegangen und hat die Soldaten geholt. Die haben den Steuerverweigerer dann zusammengeschlagen.

Zachäus war ein gewissenloser Mensch. Dafür hat er zu den ganz Reichen in Jericho gehört. Aber auch zu den Meistgehassten.

Ob er darunter gelitten hat? Wahrscheinlich hat er sich darüber nicht viele Gedanken gemacht. Denn er hat es sich mit so vielen Leuten verdorben – ihm war klar: da komme ich nie wieder raus. Also war er mit Überzeugung böse.

Und nun war Jesus auf dem Weg nach Jericho. Irgend jemand hatte es erfahren. Und bald wussten immer mehr Leute: „Jesus kommt in unsre Stadt.“

Vorher war Jesus noch nie in Jericho gewesen. Aber man hat von ihm gehört. Jesus war richtig berühmt. Er hatte ja immer wieder Kranke geheilt. Aus wenig Essen hat er so viel gemacht, dass es für 5000 Leute reichte. Und man hat sich erzählt:  er kann sogar zu Fuß übers Wasser laufen, ohne dass er untergeht. Ein Star! Ja und der sollte nun nach Jericho kommen. Kein Wunder, dass die Stadt ganz aus dem Häuschen war.

Die Leute haben die Arbeit liegenlassen und haben sich entlang der Hauptstraße aufgestellt. Weil es in Jericho viele Leute gab, war die Hauptstraße dicht gesäumt mit Menschen, drei, vier, fünf Reihen hintereinander. Ganz vorn die Kinder natürlich, die es immer schaffen, sich irgendwie durchzudrängeln. Und je weiter man hinten war, um so weniger hat man gesehen.

Gar nichts gesehen hat der Steuereintreiber. Er war nämlich ziemlich klein. Er hat eine Lücke gesucht. Aber immer wenn er versucht hat, sich irgendwo durchzudrängen, haben sich die Reihen sofort geschlossen.

Nein, hier hatte er nichts zu melden. Niemand hat ihm Platz gemacht!  Zachäus hat sich die Leute gemerkt. „Morgen werdet ihr es bereuen!“ Aber heute hatte er keine Chance.

So schnell aufgeben wollte er aber auch nicht. „Wenn schon einmal ein Star nach Jericho kommt, dann will ich ihn auch sehen!“ Da hat er einen Baum entdeckt, ein bisschen entfern von der Straße. „Von da oben kann ich über die Leute drüberschauen“, hat er gedacht. Er hat sich von irgendwoher einen Stuhl geholt und ihn unter den Baum gestellt. Dann ist er auf den Stuhl gestiegen und hat versucht, sich an einem Ast hochzuziehen.

Das war anstrengend! Er hat gestöhnt. Und die Leute sind auf ihn aufmerksam geworden.  „Schaut mal, der Steuereintreiber!“ Sie haben sich angestoßen und gegrinst. Zachäus hat es gesehen. „Ihr werdet es bereuen!“, hat er hinübergeschrien. Endlich war er oben auf einem Ast.

Dann ein Ruf: „Jesus kommt!“ Alle Köpfe haben sich gereckt, jeder wollte Jesus sehen. Ganz vorne waren der Bürgermeister und der Rabbiner, also das, was bei uns ein Pfarrer ist.

Die haben sich bis gerade eben leise gestritten. Beide wollten Jesus zum Abendessen einladen, beide hatten schon alles vorbereitet. „Er kommt zu mir“, sagte der Bürgermeister, „ich habe das schönste Haus in der ganzen Stadt!“ „Nein, er kommt zu mir“, sagte der Rabbiner. „Ich bin der Gottesmann hier in der Stadt. Und Jesus kommt auch von Gott, sagt man!“

Aber dann waren sie beide miteinander still, denn jetzt war Jesus mit seinen Jüngern bei ihnen angekommen. Im gleichen Moment gingen die beiden auf Jesus zu und verbeugten sich.
„Jesus, ich bin hier der Bürgermeister …“, begann der Bürgermeister.
„Für mich als Rabbiner ist es eine außerordentliche Ehre …“, begann der Rabbiner.

Doch dann waren sie beide still, weil sie merkten, dass Jesus über ihre Köpfe hinwegschaute. Sie drehten sich um und sahen – diesen Idioten Zachäus auf einem Ast hängen. Jesus sagte: „Wer ist das da auf dem Baum?“ Die beiden drehten sich schnell wieder zu Jesus um. „Kümmere dich nicht um Ihn, Herr“, sagte der Bürgermeister. Das ist der Steuereintreiber Zachäus. Ein gemeiner Idiot, ein richtiger Verbrecher.“  

Doch Jesus hat immer noch über die Köpfe der beiden weggeschaut. Dann ging er am Rabbiner und am Bürgermeister vorbei und durch die Leute durch – die gingen natürlich erstaunt auseinander – zu dem Baum hin. 

Am allermeisten hat Zachäus gestaunt, auf dem Baum. Aber er hat nicht nur gestaunt, er hat auch Angst bekommen. „Hilfe! Wenn dieser Gottesmann mich jetzt vor all den Leuten fertigmacht! Und ich hänge auf einem Ast und kann mich nicht wehren, nicht einmal weglaufen …“ Zachäus war in Panik.  Er kam sich plötzlich vor wie splitternackt vor all den Leuten.

Die Leute haben wirklich alle auf Zachäus geschaut und auf Jesus. „Ha! Dieser Jesus ist super. Der tut, was sich von uns keiner traut. Endlich zahlt es mal einer dem Steuereintreiber richtig heim! Schau, er zittert schon.“

Zachäus hat tatsächlich gezittert. Jetzt stand Jesus genau unter ihm und begann zu sprechen: „Zachäus, steig herunter! Ich würde gern bei dir zu Abend essen. Lädst du mich ein?“

Einen Moment war es totenstill auf dem ganzen Platz. Dann ging es los: „Aber, aber … das geht doch nicht“, stammelte der Bürgermeister. „Ich möchte dich doch einladen.“ Der Rabbiner sagte gar nichts, sondern drehte sich nur wütend um und stapfte davon. Die anderen Leute redeten wild durcheinander – zornig, enttäuscht. „Ein Mann Gottes ist dieser Jesus jedenfalls nicht!“, schrie einer. Und viele stimmten ihm zu.

Zachäus aber war unterdessen vom Baum heruntergeklettert. Ungläubig. Er schaute zu Jesus hoch. „Hast du das ernst gemeint?“ „Ja, natürlich!“ Auf einmal hatte es Zachäus eilig: „Macht Platz, aus dem Weg!“ Er bahnte er sich einen Weg durch die Leute, in Richtung auf sein Haus.

Die Leute links und rechts waren immer noch eine Mauer, eine eisige Mauer. Doch Jesus ging inzwischen neben Zachäus und fing an, mit ihm zu reden, fragte ihn nach seiner Familie und wie die Geschäfte so gehen. Das mit den Geschäften war Zachäus peinlich, so war er froh, als sie bei seinem Haus waren und er erst einmal den Dienern Anweisungen geben konnte.

Aber bald wurde die Vorspeise aufgetragen und er setzte sich neben Jesus an den Tisch. Jesus und seine Jünger – eine fröhliche Runde. Und Zachäus mitten drin dabei. Sie erzählten Zachäus, was sie auf ihren Wanderungen erlebt hatten, Zachäus wusste auch manches zu erzählen, sie lachten miteinander.

Bis Zachäus auf einmal still wurde und traurig. „Was ist los, Zachäus“, fragte Jesus. „Du weißt doch, wer ich bin. Sie haben es dir doch gesagt!“ Jesus blickte ihn gerade und ruhig an. „Sie nennen mich einen gemeinen Idioten, sogar Verbrecher“, Zachäus biss sich auf die Lippen. „Und sie haben recht.“

„Aber ich will kein Verbrecher mehr sein.“ Jetzt sprang Zachäus auf. Er ging zur Wand, an der ein Teppich hing. Er schob den Teppich zur Seite, kratzte an der Wand herum und zog einen Stein heraus. Er steckte seine Hand in das Mauerloch und brachte einen kleinen, schweren Sack zum Vorschein. „Gold, meine Ersparnisse!“

Draußen, auf der anderen Straßenseite, standen Leute, die das Haus von Zachäus beobachteten. Sie waren wütend – auf Zachäus, mehr noch aber auf Jesus. Aus den offenen Fenstern hatten sie das Reden und das Lachen gehört. Sie waren enttäuscht. „Hat man nicht immer gesagt, dass Jesus ein Herz für die Armen hat? Alles Lüge! Jetzt frisst er sich beim Steuereintreiber voll!“

Auf einmal ging die Tür auf. Der Steuereintreiber kam heraus, ging über die Straße, direkt auf die Leute zu. „Es tut mir leid! Ich war furchtbar zu euch. Da nehmt!“ Er fasste in seinen Beutel und teilte die Goldstücke aus. „Nehmt! Ich will es nicht mehr. Und gebt auch denen, die jetzt nicht da sind.“ 

So weit geht die Geschichte.
Zachäus hat das Geld nicht mehr gebraucht. Weil er etwas besseres gefunden hat. Was war das Bessere? Es lässt sich schwer in Worte fassen, fürchte ich. Es ist eine andere Art zu leben. Zachäus hat es bei diesem Essen gemerkt: Die freundlichen Blicke, die Offenheit, das unbeschwerte Lachen. Vertrauen. Bisher hat er das so nie erlebt.

Obwohl bestimmt oft Einladungen gegeben hat: Reiche unter Reichen. Da hat man auch gelacht. Aber auf Kosten von anderen. Vor allem über die, die nicht da waren. Und wenn zwei die Köpfe zusammengesteckt haben, musste man immer befürchten, dass man selbst zur Zielscheibe wird. Wenn einem jemand über den Tisch zugeprostet hat, hat man überlegt: Will der mich beim nächsten Geschäft übers Ohr hauen? Überall Misstrauen und Eifersucht. Wer ist der Mächtigste? Wer hat am meisten?

Jetzt, mit Jesus, war es ganz anders: Zachäus konnte loslassen, sich entspannt zurücklehnen. Er hatte keine Angst. Weil er gespürt hat: in dieser Runde tut mir niemand etwas. Ich muss mich nicht rechtfertigen, nicht verteidigen. Bisher war das Geld sein Schutz. Er konnte sich alles kaufen, notfalls eine Schlägertruppe die ihn verteidigt hat. In der Runde um Jesus musste sich niemand verteidigen.

Zachäus ist klar geworden: so will ich immer leben. So freundlich, offen, herzlich – da muss ich mir meine Sicherheit nicht mehr kaufen. In der Runde um Jesus passiert mir nichts.

Zachäus hat das nicht gesucht. Er hat ja nicht einmal gewusst, dass es das gibt, dass man so leben kann. Und er hat es ja auch nicht gefunden. Jesus hat ihn gefunden. Zachäus wollte nichts von Jesus, nur ein Blick auf den Star, aus der Ferne. Doch Jesus hat ihn gefunden.

Ja und das ist es, warum mir diese Geschichte so viel bedeutet. Da merke ich, dass ja gar nicht wir selbst das richtige Leben finden müssen. Wahrscheinlich wissen wir überhaupt nicht, was richtiges Leben ist, wie sich das anfühlen könnte, wo wir suchen sollen. Aber wir müssen es auch nicht suchen. Weil Jesus uns findet. Wenn es so weit ist, wenn uns Jesus gefunden hat, dann merken wir es, so deutlich wie Zachäus. Wenn wir uns auf einmal sicher fühlen, keine Angst mehr haben. Dann sind wir auf der Spur. Wir wissen, wie sich das wahre Leben anfühlt. Und dann können wir, wie Zachäus, schauen, wie wir in dieser Spur bleiben können.

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