Die andere Perspektive

Hinter uns liegen Wochen, in denen das Thema „Corona“ allgegenwärtig war. Es hat alles andere verdrängt. Fallzahlen, Reproduktionszahlen, Getestete, an oder mit Corona Verstorbene, die Lockdownmaßnahmen, die Masken .

Jetzt feiern wir feiern Gottesdienst! Und schauen weg von den Menschen, den Politikern und Virologen – schauen hin zu Gott.

Bei dieser ganzen Corona- Sache geht es ja um die Deutung der Welt. „Die Welt ist ein Kriegsschauplatz“, sagen die Experten, die man hat zu Wort kommen lassen. Im Coronavirus sehen sie einen unsichtbaren, heimtückischen Feind. Die Bundeskanzlerin hat gesagt: „Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen.“

Das ist die eine Deutung.

Gott dagegen sieht seine Welt anders: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“, lesen wir im ersten Kapitel der Bibel (1. Mose 1, 31).

Die beiden Deutungen stehen sich gegenüber: Das Leben als ständiger Krieg – „Keine Sekunde in Sicherheit.“
Und: „Siehe, es ist alles gut!“ Die Schöpfung gehalten von Gottes mächtiger Hand.

Wie Feuer und Wasser. Panik oder Geborgenheit – beides zusammen geht nicht.

Sonst ist die Auseinandersetzung um die großen Fragen eher ein Luxusproblem für Philosophen. Die gegenwärtige Auseinandersetzung um die Deutung der Welt betrifft aber jeden von uns. Denn es geht darum, wie wir leben wollen – wie wir leben können.

Welche Seite hat recht?

Mit den Argumenten für die Panik sind wir jetzt lange genug geflutet worden. Gibt es auch Argumente dafür, dass wir uns in Gottes Welt geborgen fühlen können?

Denn harmlos ist die Welt ja nicht. Wir können krank werden. Und sterben. Das sind Tatsachen.

Sagt Gott wirklich zu dieser gefährlichen Welt: „Siehe, es ist sehr gut?“

Ja, tatsächlich. Doch wenn wir das verstehen wollen, müssen wir uns auf Gottes Perspektive einlassen. Denn wir Menschen, wir stellen uns ganz automatisch immer selbst in den Mittelpunkt. Und sortieren alles andere danach, ob es uns nützt oder schadet: Tulpen sind schön – Unkraut muss vernichtet werden. Unser Haustier lieben wir – die Schädlinge wollen wir am liebsten ausrotten. Und ganz generell: wir sind im Zentrum, drumherum ist die Umwelt. Als ob alles andere nur für uns Menschen gemacht wäre.

Es gibt nicht nur Schöpfungsgeschichten in der Bibel, sondern auch Schöpfungspsalmen. Besonders interessant der Psalm 104. Da wird die Schöpfung aus Gottes Perspektive beschrieben. Die Menschen kommen natürlich auch vor, in dieser Beschreibung. Aber sie stehen in der Reihe neben allen anderen Geschöpfen.

Du lässest Brunnen quellen in den Tälern,
dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,
dass alle Tiere des Feldes trinken
und die Wildesel ihren Durst löschen.
Darüber sitzen die Vögel des Himmels
und singen in den Zweigen.

Du tränkst die Berge von oben her,
du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.
(Ps 104, 10- 13)

Menschen werden bis dahin nicht erwähnt.
Du tränkst die Berge von oben her,
du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

Wir merken, die Berge sind Selbstzweck: Gott gibt den die Bergen zu trinken, durch den Regen. Auch das Land ist ein selbständiges Geschöpf: Gott macht es voller Früchte. Man spürt im Psalm, wie sich das Land freut an der üppigen Fülle: „Du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.“

Erst dann kommen die Menschen – in einem Atemzug mit dem Vieh:
Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz.
(Ps 104, 14-15)

Man könnte sich aufregen: „Ich soll mich mit einem Berg vergleichen lassen, einem Felsblock? Mit der dummen Kuh soll ich auf Augenhöhe sein? Als Mensch bin ich doch etwas ganz anderes – viel mehr!“   

Ich rege mich nicht auf. Mich entlastet diese biblischen Sicht der Dinge. Ich will gar nicht Krone der Schöpfung sein. Denn ich habe nicht den Überblick. Ich verstehe nicht alles. Ich habe nicht einmal mein Leben im Griff – schon gar nicht die Welt. Ich bin nur ein Geschöpf Gottes von vielen. Bin froh, dass ich mitten unter den anderen Geschöpfen leben darf.

So weit, so gut. Doch der Psalm geht noch weiter:

Du machst Finsternis, dass es Nacht wird;
da regen sich alle Tiere des Waldes.
Die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub
und ihre Speise fordern von Gott.

Es warten alle auf dich,
dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.
Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;
wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.
(Ps 104, 20-21.27-28)

Auch die Löwen, die nach Raub brüllen, fordern ihre Speise von Gott. Und Gott gibt ihnen und sättigt sie mit Gutem.

Ja und was gibt Gott den Löwen, was fressen die so? Gazellen vielleicht. Aber auch Schafe. In biblischen Zeit gab es noch Löwen im Land Israel. Die sind immer mal wieder in eine Schafherde eingebrochen. Und manchmal haben sie wahrscheinlich auch den Hirten gefressen. „Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.“

So sieht die Welt aus Gottes Perspektive aus. Er liebt alle seine Geschöpfe: die Menschen natürlich, aber auch die Löwen. Und die Schlangen und die Zecken, die Bakterien und die Viren.

Von Bakterien hat man in biblischer Zeit natürlich noch nichts gewusst. Die hat man erst entdeckt, als es Mikroskope gab. Und Viren kann man bis heute nicht richtig sehen, so klein sind sie.

Aber auch diese kleinen Wesen sind Geschöpfe Gottes. Wir sollten sie übrigens nicht unterschätzen. Auch wenn wir Menschen sie mit bloßem Auge nicht sehen: das Gewicht dieser Mikroben, wenn man alle zusammennimmt, ist größer als das aller Menschen, Tiere und Pflanzen auf der Erde. Bei Gott, nehme ich deshalb an, haben diese kleinen Geschöpfe also sehr wohl Gewicht.

Das Spannende am Psalm 104 und an der ganzen biblischen Sicht auf die Schöpfung und ihre Geschöpfe ist nun für mich, dass da immer ein Zusammenleben beschrieben wird, eine Symbiose. Nicht Krieg – Mensch gegen wilde Tiere. Sondern alles hat seinen Platz in der Schöpfung.

Die Menschen, beschriebt der Psalm, gehen tagsüber auf dem Feld ihrer Arbeit nach. Die Zeit der wilden Tiere ist die Nacht. So kommt man sich nicht in die Quere.

Nur manchmal eben. Wenn ein Hirte bei Nacht verhindern will, dass der Löwe ein Schaf reißt. Doch in der Schöpfung ist es eben so, dass alles was lebt auf Kosten von anderem lebt, was lebt.

Die Menschen haben auch damals schon ab und zu ein Schaf geschlachtet und gegessen. Bestimmt haben sie nicht so viel Fleisch gegessen, wie wir. Aber trotzdem: Jedes Leben lebt auf Kosten von anderem Leben.

Und sogar, wenn wir kein Fleisch essen! Mich hat das kürzlich so getroffen, als ich Kartoffeln aus dem Keller geholt habe. Die hatten schon ziemlich lange Triebe und ich habe sie abgezupft. Und dann ist es mir plötzlich durch und durch gegangen: diese Kartoffeln sind Lebewesen. Die wollen jetzt keimen, wachsen, Junge bekommen. Und ich werfe sie ins kochende Wasser und töte sie.

Ja. Auch ich lebe auf Kosten von anderem Leben. „Und siehe“, sagt Gott, „es war gut!“

Weil ich auf Kosten von anderem Leben lebe, muss ich natürlich akzeptieren, dass vielleicht anderes Leben auf Kosten von meinem Leben lebt. Bei uns gibt es keine Löwen. Aber natürlich könnte es sein, dass ich an einem Virus sterbe.

Wenn es einmal so weit sein sollte, wird mir das bestimmt zuerst nicht gefallen. Doch ich hoffe, dass mir dann einfällt, wie viele Lebewesen ihr Leben gelassen haben, damit ich all diese Jahrzehnte leben konnte. Und ich hoffe, dass ich dann einwilligen kann in mein Sterben.

Wenn ich es kann, dann, weil dieses: „Siehe, es war gut!“ in mir schwingt – Gottes Perspektive.

Und dieses: „Siehe, es war gut!“ trägt mich jetzt schon. Von daher verstehe ich mich und die Welt, die Menschen und die Viren.

„Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen“, hat die Bundeskanzlerin gesagt. Nein!, sage ich. Wir befinden uns nicht im Krieg. Sondern in Gottes guter Schöpfung, in der die Geschöpfe miteinander und voneinander leben. Aber nicht in permanenter Angst voreinander.

Mir sind immer noch Szenen aus Tierfilmen vor Augen, wo Löwen neben einer Herde von Gnus oder Gazellen liegen. Obwohl die Gazellen Beutetiere der Löwen sind, haben sie keine Angst. Denn Jagdzeit ist erst Abends. Bis dahin lebt man miteinander in Frieden.

Und so ist es mit den Mikroorganismen auch. Unser Zusammenleben mit Bakterien ist inzwischen schon ein bisschen erforscht. Mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass wir ohne Bakterien überhaupt nicht leben könnten. Wer keimfrei ist, stirbt. Bakterien sind lebensnotwendig.

Und es gibt auch nicht die guten und die bösen Bakterien. Wir leben die ganze Zeit mit allen Arten von Bakterien zusammen, auch mit denen, die man Krankheisterreger nennt. Und so lange die Symbiose von Zellen, Organen, Bakterien, die wir Menschen sind, im Gleichgewicht ist, ist alles gut. Erst wenn das Zusammenleben aus dem Gleichgewicht kommt, werden wir krank.

Viren sind bisher nur wenig erforscht. Weil sie so winzig sind. Aber auch sie sind keine Feinde von außen, sondern leben mit uns. Sie brauchen uns und wir brauchen sie. Wie alle anderen Lebewesen einander brauchen.

Das ist Gottes Perspektive. Und ich merke, wenn ich mich darauf einlasse, dann werde ich ruhig. Da verschwindet die Angst, die mich manchmal auch packt. Aber in Gottes Perspektive fühle ich mich aufgehoben und getragen – als kleiner Mensch in dem großen Ganzen, das Gott genau so eingerichtet hat.

Das Sterben gehört auch dazu, von Anfang an. Weil Gottes Schöpfung immer in Bewegung ist und in Bewegung bleibt, im Hin und Her, im Geben und Nehmen. Ich verstehe das große Ganze nicht. Aber das muss ich auch nicht. Ich kann mich ja Gott anvertrauen.

Viele Menschen sehen es natürlich anders: „Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen.“ Wir stehen mitten drin in einer großen Auseinandersetzung. Doch wir schauen weg von den Menschen, hin zu Gott. Deshalb feiern wir Kantate:
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!
Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.
 (Psalm 98)